Wie der Jude zum Feind wurde
Mit einer jüdischen Frage in Polen haben wir es beinahe seit den ersten Anfängen des Staatswesens zu tun, mit Sicherheit aber seit dem 11. Jahrhundert

 

Maria Janion sucht (in einem kürzlich in der "Gazeta Wyborcza" erschienenen interessanten Essay) die Ursprünge des Antisemitismus in Polen im 11. Jahrhundert. Am Beispiel des Ritualmordmythos versucht sie nachzuverfolgen, wie "der christliche Antijudaismus - in einem ideologischen Transformationsprozess - zum neuzeitlichen Antisemitismus wird". Für dessen Urheber hält sie Stanisław Staszic, der den Polen für zwei Jahrhunderte die Überzeugung einprägte, dass "die Juden die Ursache allen Unheils der polnischen Nation sind" und ihre Religion "das Gebot des Betrugs enthält". Für dessen Dichter hingegen hält sie Zygmunt Krasiński, der in seiner "Un-göttlichen Komödie" eine Art antisemitischen Kanon mit einschloss, der über die früheren Stereotype hinausgewachsen war. Dieser Kanon, meint Prof. Janion, fügte sich in den Entstehungsprozess "des neuzeitlichen Nationalismus auf der Grundlage des feudal-romantischen" ein. Interessante Thesen. Doch die Evolution des polnischen Antisemitismus ist eine noch komplexere Erscheinung.


Mit einer jüdischen Frage in Polen haben wir es beinahe seit den ersten Anfängen des Staatswesens zu tun, mit Sicherheit aber seit dem 11. Jahrhundert. Damals bewirkten der Prozess des Erstarkens des Bürgertums in Westeuropa, aber auch der mit den Kreuzzügen einhergehende religiöse Fanatismus, dass, wie Joachim Lelewel schrieb, "wer lebte und sich zu verbergen vermochte, der floh, um in slawischen Landen aufzuatmen und sich in Polen niederzulassen". Unter Władysław I dagegen kam es bereits zu "scharenweisen Wanderungen verfolgter Juden nach Polen". Über Jahrhunderte gestaltete sich die gegenseitigen Beziehungen mehr als korrekt und vor dem weiteren europäischen Hintergrund beinahe harmonisch. Selbstverständlich ereigneten sich Tumulte und Gewaltakte schon im Mittelalter. Sie waren allerdings sporadischer, nicht systematischer Natur. Die Landesherren gewährten den Juden Schutz und Rechtssicherheit. Das Debakel kam in der Mitte des 17. Jahrhunderts. Die Verfolgungen des Dreißigjährigen Krieges spülten 200.000 Flüchtlingen nach Polen. Die russischen, schwedischen und türkischen Kriege untergruben die Macht der Adelsrepublik. Die vom Kriegsbrand erfassten östlichen Grenzregionen wurden zum Schauplatz von Kosakenpogromen. Der Handel, die Grundlage der jüdischen Wirtschaftstätigkeit, brach ein.

Die Teilungen stürzten das Gros der polnischen Juden in strukturelle Armut. Die härtesten Restriktionen trafen sie im russischen Teilungsgebiet. Schon seit 1772 waren sie angewiesen worden, sich ausschließlich in Städten niederzulassen und nur Handel, Handwerk und Gewerbe zu betreiben. Ruinös hohe Steuern bedrückten sie. Die Polen und Juden weiterhin trennenden Unterschiede der Religion oder der Lebensweise traten mit der Zeit hinter die divergierenden ökonomischen Interessen zurück.


3   Die positivistischen Losungen des 19. Jahrhunderts fielen in Kongresspolen auf fruchtbaren Boden. Es folgte ein stürmischer wirtschaftlicher Aufschwung. Im Jahre 1862 proklamierten die zaristischen Behörden die Gleichberechtigung der Juden. Ihr Ideengeber, Markgraf Aleksander Wielopolski, wollte die Assimilationsprozesse beschleunigen und zugleich die beiden Nationalitäten, die Russland gleichermaßen feindlich gesinnt waren, entzweien. Die Möglichkeit zum Immobilienerwerb auf Adelsgütern (auf denen der Frondienst aufgehoben wurde) oder die Niederlassungsfreiheit in Regionen, in denen dies zuvor verboten war, schufen neue Rivalitäts- und sogar Konfliktebenen.

Wielopolski war kein Philosemit. Er instrumentalisierte die Juden, indem er versuchte, prorussische Loyalität bei ihnen zu erzeugen. Als Gegengewicht gegen das rebellische polnische Element sollten sie die Lage in Kongresspolen stabilisieren, indem sie die Funktion eines modernen dritten Standes oder auch der Mittelschicht übernahmen. Das hatte weitreichende Folgen: Aus den bisherigen jahrhundertealten Beschränkungen wurden Privilegien. In der Mitte des 19. Jahrhunderts stellte sich plötzlich heraus, dass sich die traditionellen, in ein Ghetto enger Spezialisierungen gezwängten Bereiche typisch jüdischer Wirtschaftsaktivität - Handel, Geldverkehr, Maklergeschäfte, Handwerk und später auch die Industrie - in der Avantgarde der internationalen ökonomischen Entwicklung befanden. In kurzer Zeit wurde die wirtschaftliche Überlegenheit der Juden eine Tatsache. Zwar mangelte es nicht an polnischen Aufsteigern wie Wokulski [der reiche Kaufmann aus Bolesław Prus' Roman "Die Puppe"], doch noch schneller wuchsen die Vermögen der Kronenbergs, Natansons, Wawelbergs, Lilipóws, Poznańskis und Toeplitz'.

Das entstehende polnische Proletariat begegnete immer öfter neuen Arbeitgebern - jüdischen Unternehmern; der polnische Bourgeois, den es in den Handel oder die Industrie strebte, stieß auf  tatkräftige Konkurrenz; der Kleinadel, der in Schulden geriet, traf auf Geldverleiher, die in der Regel jüdischer Herkunft waren.


4   Gegen Ende des Jahrhunderts entbrannte ein Krieg um Marktbuden und Krämerläden. In der Zeitschrift "Rola" [Die Scholle] wimmelte es in der Rubrik "Brot für Landsleute" von Anzeigen der Sorte: "Aus Biłgoraj. Es wäre für uns vorteilhaft, einen katholischen Handel mit Eisenwaren, Salz usw. zu erhalten". Beide Seiten waren nicht wählerisch in ihren Mitteln. Antisemitische Ansichten vertrat ein Teil der Presse: die "Gazeta Warszawska", "Słowo" [Das Wort], "Wiek" [Das Jahrhundert], der "Dziennik dla wszystkich" [Tageszeitung für alle]. Hauptsächlich handelte es sich dabei um Parolen der ökonomischen Auseinandersetzung. Hin und wieder verspottete man Besonderheiten der Religion und der Bräuche, die in Abscheu errengender Form dargestellt wurden; hier tauchte jenes Ritualmordmotiv wieder auf. Schon früher, im Jahre 1858, war der Leitgedanke der kulturellen Rivalität aufgekommen. Den Vorwand hierzu lieferte der volle Saal bei einem Konzert des jüdischen Geigers Reichert, dem die schlechte Frequenz bei einem Auftritt slawischer Künstlerinnen, der Schwestern Neruda aus Mähren, gegenübergestellt wurde.

Der ausfallende Kommentar der "Gazeta Warszawska" schlug internationale Wellen.Mit Empörung reagierten Herzens "Kolokol" [Die Glocke] und der Brüsseler "Le Nord"; der heimlich von Russland finanzierte "Observateur Belge" veröffentlichte seinerseits einen Artikel "Die Verfolgung der Juden in Polen durch die Partei der Jesuiten". Dieser „jüdische Krieg" in der Presse lenkte erstmals die Aufmerksamkeit der europäischen Öffentlichkeit auf das bis dahin untergegangene Problem des Antisemitismus in Polen. Sein Hintergrund waren jedoch nach wie vor die Unterschiede in Religion und Bräuchen sowie die ökonomische Konkurrenz. Aber auch die wachsende Mauer der sprachlichen Fremdheit. 1897 gaben von den fast 1,4 Millionen Juden in Kongresspolen gerade einmal 46.380 Polnisch als Muttersprache an.


5   Unterdessen begannen sich an der Wende des 19. und 20. Jahrhunderts aus einem Wirrwarr von Ideen tragfähige soziale Konzepte und ganzheitliche Programme herauszuschälen. Die bisherigen Theorien und Strömungen - vor allem Kommunismus, Sozialismus, Nationalismus und Agrarismus - nahmen die Form großer Bewegungen und politischer Massenparteien an. Millionen von Menschen drängten auf den Schauplatz der Geschichte, die immer selbstbewusster wurden, die ihre Stärke spürten und sich selbst als Subjekt entdeckten.Es war eine epochale Wende.

Das betraf auch die jüdische Gemeinschaft. Nirgendwo sonst fielen revolutionäre Theorien auf so fruchbaren Boden. Sechs Millionen Juden lebten in Russland (einschließlich Kongresspolen). Diese noch immer amorphe, politisch nicht existente Masse bildete bald darauf eine eigene geistige und politische Avantgarde heraus. Aktivisten jüdischer Herkunft standen an der Spitze aller Formationen der revolutionären und sozialistischen Bewegung. Sie waren Mitbegründer des Sozialrevolutionären Bundes der Polen: Stanisław Mendelson, Szymon Dickstein, Stanisław Landy; der Internationalen Sozialrevolutionären Partei Proletariat: Feliks Kon, Maksymilian Heilpern; der Polnischen Sozialrevolutionären Partei: Rosa Luxemburg, Feliks Perl; des Bundes Polnischer Arbeiter: Adolf Warszawski (Warski), Bernard Szapiro. Dies sind nur Beispiele.

Viele von ihnen finden wir in der Sozialdemokratie des Königreichs Polen wieder, hinzu kamen weitere Aktivisten: Karl Radek, Jan Tyszka, Julian Unszlicht. Die ebenfalls 1893 gegründete Polnische Sozialistische Partei schuf die Jüdische Organisation der PPS, in der Feliks Sachs, Stefan Degenfish und Maksymilian Horwitz (Walecki) eine führende Rolle spielten. Auch die in Galizien gegründete Polnische Sozialdemokratische Partei richtete 1905 eine Jüdische Sektion ein, die Aktivisten vom Format eines Herman Liebermann, Bolesław Drobner und Herman Diamand leiteten.


6   Diese Symbiose war nicht von langer Dauer. Erschüttert wurde sie durch die Einstellung zur Frage der Unabhängigkeit. Diese Idee verfocht die PPS unmißverständlich. Ihr Verhältnis zur jüdischen Frage gibt ein Aufruf aus dem Jahr 1893 "An die Genossen jüdischen Sozialisten in den polnischen annektierten Provinzen" gut wieder, der einen gemeinsamen, unerbittlichen Kampf gegen den Zarismus postuliert. "Die Juden verbessern sich enorm", beschrieb Józef Piłsudski 1895 die Perspektiven dieser Zusammenarbeit. Schon bald musste er seine Meinung ändern. Ein Jahr später entstand der Jüdische Arbeiterbund, der Pawel Axelrod von der russischen Partei "Befreiung der Arbeit" mit dem Mandat des Warschauer jüdischen Proletariats für den Internationalen Sozialistenkongress in London (1896) betraute; die jüdische Arbeiterklasse von Wilna vertrat Georgi Plechanow. Die polnischen Sozialisten sahen darin einen Akt der Usurpation. Stanisław Wojciechowski, Mitglied der Führungsgremien der PPS und späterer Staatspräsident, schrieb: "Dieser kleine Kreis kann sich nicht das Recht anmaßen, die Warschauer Juden zu vertreten, sondern wohl nur als Zirkel der russischen Juden in Warschau figurieren". Weiter schrieb Wojciechowski über "den Zustrom jener russischen Juden" ins Königreich und konstatierte, dass dies "eine Sanktionierung der Hinwendung der Juden zu Russland durch die Sozialisten" sei, was u.a. bei der "Beteiligung der jüdischen Bourgeoisie am Krönungstheater des Zaren" zum Ausdruck gekomen sei. 1897 konstituierte sich der Allgemeine Jüdische Arbeiterbund von Russland und Polen (Der Bund), der eine nationale Autonomie der Juden und einen Alleinvertretungsanspruch für das gesamte jüdische Proletariat verlangte. Diese Forderungen wurden von der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei des Königreichs Polen und Litauen (SDKPiL) voll unterstützt. Maksymilian Horwitz von der PPS warf dem Bund 1902 Russifizierungstendenzen und offenkundige Abneigung gegen Polen vor. 1903 stellte Józef Piłsudski in dem Artikel "Die jüdische Frage in Litauen" fest, der Grund für die Popularität des Bundes bei den jüdischen Massen seien antisemitische Stimmungen der christlichen Bevölkerung, die "von den Russen zynisch geschürt werden".


7   Tatsächlich betrieb der Zar in den annektierten Gebieten eine Politik des divide et impera. Allein zwischen 1893 und 1909 wurden über 100.000 russifizierte Juden aus Russland ins Königreich verdrängt, sogenannte Litwaken, über die Prof. Henryk Wereszycki schrieb: "Sie haben keinerlei Kenntnisse der polnischen Sprache, und alle Bestrebungen der übrigen Gesellschaft sind ihnen fremd". Diese Fremdheit verwandelte sich oft in unverhohlene Freindseligkeit. Im Jahr 1902 verübte der Schuster Hirsch Lekert, ein Mitglied des Bundes, in Wilna ein Attentat auf den Generalgouverneur von Wahl. Dieser Vorfall wühlte die Öffentlichkeit auf. Denn neben dem gerissenen, aber zugleich unterwürfigen und verängstigten Krämer oder Pächter erschien nun der Typ eines verwegenen Kämpfers auf der Bildfläche, der bereit war, seine Anliegen nicht mehr nur mit der Fahne, sondern auch mit der Waffe in der Hand geltend zu machen. Ein weiteres Stereotyp wurde in Frage gestellt.

Der Krieg gegen Japan brachte das Zarenreich ins Wanken. Das revolutionäre Ferment des Jahres 1905 begünstigte auch eine Belebung der jüdischen Gemeinschaft. Es entstanden viele Parteien, u.a. die Zionisten-Sozialisten (fast 30.000 Mitglieder), Poalei Zion (25.000) und der Bund für Gleichberechtigung. Der Bund zählte fast 35.000 Aktivisten. Es folgte eine intensive Politisierung der jüdischen Massen. Zusammen genommen erreichten alle diese Gruppierungen sämtliche sozialen Schichten: von der Intelligenz und der Plutokratie bis zum Proletariat. Ihre eigene politische Vertretung erhielten sowohl Judenreichtum, als auch Judennottum.

Das Ausmaß dieser Armut untersuchte 1912 Dr. Walenty Mikłaszewski ("Die körperliche Entwicklung des Warschauer Proletariats im Lichte anthropometrischer Messungen"). Dabei stellte sich heraus, dass der statistische jüdische Proletarier 161,4 cm maß (der polnische 164,7), physisch schwächer war, sich schlechter ernährte (täglich für 11,5 Kopeken, der polnische für 12,5 Kopeken), öfter an Tuberkulose erkrankte (26%, von den polnischen Arbeitern dagegen 17%) usw. Wenn man die so zahlreiche Beteiligung der Juden an revolutionären, sozialistischen und kommunistischen Bewegungen untersucht, lohnt es, auch diese Daten zu berücksichtigen.


8   Prominente Sozialisten der Epoche bemerkten das Drama der sich scheidenden Wege der polnischen und der jüdischen Linken. Michał Sokolnicki erinnerte sich in seinem Buch "Vierzehn Jahre" an eine Demonstration am 1. November in Warschau: "Überall hörte ich die jiddische oder die russische Sprache, am wenigsten die polnische. Über ein Meer von Köpfen hinweg wurden Parolen gebrüllt und die Zuhörer agitiert - auf Russisch... Warschau erblickte am 1. November den Sozialismus. Vielen Sozialisten, auch mir, blieb dieser Tag wie ein finsterer Alptraum in Erinnerung."

Auch unter den galizischen Sozialdemokraten kam es zur Spaltung. Ignacy Daszyński, der Führer der Polnischen Sozialdemokratischen Partei, schrieb 1907: "Die Juden erwiesen sich als ausschlaggebender politischer Faktor bei den Wahlen, wobei sie gemeinsam als eine Masse unter der Parole der Stammes- und der nationalen Exklusivität marschierten". Und 1911 räumte er ein: "Wir haben uns den Namen Judenknechte bei den Antisemiten ehrlich verdient", woraufhin er in der Tageszeitung "Naprzód" [Vorwärts] die Jüdische Sozialdemokratische Partei beschuldigte, dass sie "gegen die polnische Sprache auftritt und geradezu Hass auf das Polentum an den Tag legt".

Als Józef Piłsudski dereinst die Jüdische Sektion in der PPS schuf, nahm er sicher nicht an, dass deren Mitglied Feliks Sachs einmal der Verfasser einer Resolution sein würde, die Piłsudskis Kampfverband verurteilte und den künftigen Marschall aus der Partei ausschloss. Das geschah während des IX. Kongresses der PPS 1906, als es zur endgültigen Spaltung kam und sich fast die gesamte Jüdische Organisation in der PPS-Linken wiederfand, einer Partei, die - ähnlich wie der Bund und die SDKPiL - das Postulat der Unabhängigkeit Polens ablehnte. Piłsudski selbst lenkte das zwar nicht auf den Weg des Antisemitismus, doch das Fußvolk der Partei nahm es gegen die Juden ein.
Diese Stimmungen heizte auch die - als nationales Unglück behandelte - Abtrennung der Region Chełm vom Königreich im Jahre 1912 an, anlässlich derer, wie die Wochenzeitung "Świat" [Die Welt] schrieb, beide Chełmer Rabbiner "zum Dank den Huldigungseid ablegten". Dieser Unterwerfungsakt erregte die polnische Öffentlichkeit, umso mehr, als sich jüdische religiöse Führer zuvor bemüht hatten, sich von der Politik fern zu halten. Empörung lösten auch Spötteleien über die 1910 in allen Teilungsgebieten begangenen Feiern zum 500. Jahrestag der Schlacht bei Grunwald/Tannenberg aus. Warski führte damals aus, dass "die Arbeiterklasse nicht das Andenken an mittelalterliche Triumphe des Adels und des Klerikalismus pflegen kann".


9   All das schuf ein bestimmtes geistiges und soziales Klima. Doch den Wendepunkt brachten die Wahlen zur Duma. Zunächst die zur ersten im Jahre 1906. Zwar gewann die Nationaldemokratie die Wahlen im Königreich überwältigend, indem sie 34 von 36 möglichen Mandaten errang, doch auch die jüdischen Politiker (die in der Regel auf den Listen der russischen Konstitutionellen Demokraten antraten) erzielten Erfolge. In Grodno gewannen Jakobson und Ostrogorski, in Minsk Rosenbaum, In Wilna besiegte Szmaria Lewin dank eines russisch-jüdischen Bündnisses den prominenten Rechtsanwalt Tadeusz Wróblewski, und das war eine grandiose Schlappe.

Da die sozialistischen Parteien die Wahlen boykottierten, bildete der jüdische Bund für Gleichberechtigung einen gemeinsamen Block mit dem Fortschrittlich-Demokratischen Verband. In Warschau selbst unterstützten diese Allianz kaum 16.200 Polen und rund 17.600 Juden. Diese Zahlen sprachen eine klare Sprache. Das bestätigten die Wahlen zur vierten Duma 1912. Die Nationaldemokraten gewannen sie beinahe überall. Was aber bedeuteten Triumphe in den Gouvernements Kalisz oder Siedlce angesichts der Niederlage in Łódź und vor allem in Warschau? 1912 hatte Warschau 822.000 Einwohner, darunter über 500.00 Polen und fast 300.000 Juden. In 7 der 15 Wahlkreise waren die Juden in der Überzahl. Das ergab sich aus der Wahlordnung, die das wohlhabende, mehrheitlich eben jüdische Bürgertum bevorteilte. Außerdem gingen die Juden, im Unterschied zur den Polen, in Massen zu den Urnen.

Als Resultat wurde, hauptsächlich dank der jüdischen Stimmen, ein Vertreter des Blocks aus Bund und PPS-Linken Abgeordneter für Warschau, der polnische Arbeiter Eugeniusz Jagiełło. Obwohl die Duma lediglich ein Parlamentsersatz war, schlug dieses Ergebnis wie ein Blitz. Die obsessive Überzeugung von der Macht jüdischer Einflüsse begann zu wachsen. Doch selbst eine unvoreingenommene Analyse zeigte, dass die Juden in massenhaftem Ausmaß zu einer realen politischen Kraft wurden, von der das Schicksal des Landes abhing.


10   Das Jahr 1912 war auch deshalb wichtig, weil die Nationaldemokratie - mit voller Zustimmung der kirchlichen Hierarchie - die Mehrheit der aktiven polnischen Katholiken um sich versammelte. Und nicht nur sie. Sowohl die Anhänger der Bauernpartei als auch die Konservativen näherten sich der Nationaldemokratie an, weil sie in ihr das einzige Gegengewicht zu wachsenden jüdischen Einflüssen sahen. Diesen Wandel brachte die positivistische "Prawda" prägnant zum Ausdruck, als sie die Dumawahlen besprach: "Auf die eine Seite stellen sich die Juden. Auf die andere stellen sich ohne Unterschied der Konfession und Herkunft die Polen."

Eine Konsequenz der Ereignisse von 1912 war auch die heftige Intensivierung der von der Nationaldemokratie schon seit 1905 geführten antisemitischen Kampagne. Auch die Akzente veränderten sich. In den "Gedanken eines modernen Polen", jener Bibel der Nationaldemokraten, befürwortete Roman Dmowski zwar "eine ökonomische Bewegung, die den Juden im Kleinhandel den Kampf ansagt", er verurteilte aber entschieden "einen Apparat eines gewissermaßen berufsmäßigen Antisemitismus, der an die niedrigsten Instinkte der Massen appelliert". Leider hat er später selber einen solchen Apparat geschaffen. Ich meine, dass der poltische Antisemitismus gerade in der Zeit, zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Gestalt annahm. Denn damals kam es zu einer Vermengung bis dahin getrennt voneinander auftretender Elemente, die sich zu einem nicht selten obsessiven Bewusstsein einer jüdischen Bedrohung zusammenfügten, aus vier Bereichen: dem religiösen, kulturellen, ökonomischen und schließlich politischen.

Anzumerken sei, dass der politische Antisemitismus keine Erfindung der Nationaldemokratie war, auch wenn sie ihn auf ihre Fahnen schrieb. Pogrome hatte zaristische Ochrana in Polen schon inszeniert, bevor die Nationaldemokratie in Erscheinung trat. Und die jüdische Frage war damals kein theoretisches Konstrukt, sondern ein lebendiges, dringliches Problem.

Ein verzweifeltes Problem, denn es ließ keinerlei Perspektive erkennen. Zu lösen vermochten es weder Assimilation, noch Emigration, weder Positivismus, noch Sozialismus, weder Zionismus, noch Revolution. Es blieb die Tatsache, dass in einem seit über einem Jahrhundert unterdrückten Land die überwältigende Mehrheit der in ihm lebenden Juden - also mehr als 10% der Bevölkerung - gegenüber den polnischen nationalen Aspirationen und Unabhängigkeitsbestrebungen wenn schon nicht feindselig, dann ablehnend und bestenfalls gleichgültig eingestellt war. Übrigens verschwand das jüdische Problem nicht mit der Wiedererlangung der Unabhängigkeit. 1926 übernahm es die Gegenspielerin der Nationaldemokratie, die Sanacja, und sie stand ihm ebenso ratlos gegenüber. Es ist ein düsteres Urteil der Geschichte, dass die verbrecherische Politik Hitlers dieser Frage ein Ende setzte.


11   Als ich 1984 in der Untergrundzeitschrift "Polityka Polska" ausführlicher über diese Dinge schrieb, hatte ich das Gefühl, historische, für immer vergangene Probleme anzuschneiden. Ich war im Irrtum. Es kam mir nicht in den Sinn, dass die hier und dort an den Rändern züngelnden unscheinbaren Flammen des Antisemitismus im wiedergeborenen Polen, im 21. Jahrhundert erneut zu einem Feuer gedankenlosen Hasses entbrennen könnten. Dass sie einen Teil der Gesellschaft erfassen, ins politische Leben eindringen und sogar manche Männer der Kirche demoralisieren würden, uneingedenk der Lehre Johannes Pauls II., der deutlich machte, dass Antisemitismus eine Todsünde ist. Wenn ich Tadeusz Rydzyk oder Ryszard Bender zuhöre, Texte von Stanisław Michałkiewicz lese, die Exzesse der Allpolnischen Jugend beobachte und den Kreuzzug des in vielen Gotteshäusern gefeierten und von so vielen Bischöfen unterstützten Jerzy Robert Nowak verfolge, dann empfinde ich Verlegenheit und brennende Scham. Aber ich weiß auch, dass diese Gefühle nicht ausreichen.

Wenn Antisemitismus eine Art ansteckende Krankheit ist, dann muss sie behandelt werden. Doch jeder Therapie muss eine zutreffende Diagnose vorausgehen. Deshalb sollte man diesem schändlichen Phänomen immer wieder auf den Grund gehen, seinen Kern erkennen und zu seinen historischen Quellen vorstoßen. Ein solcher bescheidener Versuch - und kein moralisches Traktat - ist auch dieser Text.
 
 

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