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Das Imperium des Königs der Könige
Ein Gespräch mit Artur Domosławski, Journalist und Autor der Biographie von Ryszard Kapuściński, die bereits vor ihrem Erscheinen Kontroversen ausgelöst hat.
Janusz Sobolewski/Forum

Daniel Passent: Wie kam es zu dem Titel „Kapuściński non-fiction“?

Artur Domosławski: Kapuściński hat in seinem Leben zwei Oeuvres geschaffen. Das eine ist sein Lebenswerk als Reporter, das zu großer Literatur über die Mechanismen der Macht, über Revolutionen und ausgegrenzte Menschen wurde. Das zweite ist eine Erzählung über sich selbst, die er aus Fakten und zum Teil aus Legenden komponierte. Er verstand, dass es eine Welt der Literatur ohne Legenden über Schriftsteller nicht gibt und, wie viele, wirkte er an der Bildung seiner eigenen mit. Das Leben eines Reporters, der für die Berichterstattung über Revolutionen, Kriege und Staatsstreiche in der Dritten Welt zuständig war, bot dafür glänzenden Stoff. Der Titel des Buches signalisiert, dass ich Schwarz-Weiß-Malereien vermeide, denn die Non-Fiction-Welt ist nie schwarz-weiß, in ihr existieren viele Wahrheiten, in diesem Fall viele Wahrheiten über meinen Protagonisten. Zweitens signalisiert er, dass ich mich um eine Trennung von Fakten und Fiktion bemühe. Viele Reporter in der ganzen Welt hielten Kapuściński für einen Meister, hegten aber immer den Verdacht, dass es in seinen Geschichten Elemente – sagen wir einmal – dichterischer Freiheit gab. Die Teilnehmer an meinen Workshops baten mich, das unbedingt zu klären.

Was sind das für Workshops?

Sie werden von Gabriel García Márquez’ kolumbianischer Stiftung  organisiert, die sich für die Hebung der journalistischen Standards in Lateinamerika einsetzt. Die Workshop-Teilnehmer sagten über Kapuściński: ein geheimnisvoller Mensch, ein Rätsel; wir kennen sein Werk, aber über ihn selbst wissen wir nichts. Wer war der Mensch, den wir so bewundern? Ich habe versucht, möglichst viel von dem zu eruieren, worüber Kapuściński schwieg. Dabei begleitete mich das Memento des renommierten Reporters Mark Danner, der gesagt hat, er würde in meinem Buch gern darüber aufgeklärt werden, welche Erfahrungen dazu geführt hätten, dass Kapuściński die Mechanismen der Macht und der Revolution so exzellent verstand.

Wo haben Sie nach Antworten gesucht?
Vor allem in Polen, in der Vergangenheit der Epoche des Stalinismus, des Oktobers 1956, in den Geschichten über die Korridore der Macht im Zentralkomitee. Auch in Ihrer „Polityka“. Ich bin ein ganzes Stück der Welt abgefahren: Mexiko, Kolumbien, Bolivien, Angola, Äthiopien, Kenia, Tansania, Uganda, die USA… Ich bin den Protagonisten seiner Reportagen begegnet und habe die Orte gesehen, in denen er gelebt und die er beschrieben hat.

Inwieweit sind diese Beschreibungen wahrheitsgetreu?
Kapuściński hat drei Arten von Büchern geschrieben. Die frühen, heute weitgehend vergessenen, würde ich der Publizistik zurechnen, vor allem „Gdyby cała Afryka...“ [Wenn ganz Afrika…, 1969], eine Analyse der Entkolonisierung Afrikas. Dann wird Kapuściński, der Reporter geboren, der die Gattung der literarischen Reportage pflegt: „Kirgiz schodzi z konia“ [Der Kirgise steigt vom Pferd, 1968], „Chrystus z karabinem na ramieniu“ [Christus mit dem Gewehr über der Schulter, 1975], „Der Fussballkrieg“ [„Wojna futbolowa“ 1978, dt. 1990] ... Und schließlich seine größten Werke, „König der Könige“, 1984] [„Cesarz“ 1978, dt. 1984] und „Schah-in-schah“ [„Szachinszach“ 1982, dt. 1986], in denen er Grenzen überschreitet, die Literatur und Reportage voneinander trennen; dank ihnen geht er in die Geschichte sowohl der Reportage als auch der Literatur ein. Beide Bücher wurden international enthusiastisch aufgenommen, riefen aber auch Zweifel an der faktographischen Genauigkeit hervor. Man fragte: Ist das noch eine Reportage oder schon Literatur?

Und ist das wichtig?

Unabhängig davon, in welches Regal wir diese Bücher einsortieren, überragend werden sie nach wie vor sein. Der Gattungsunterschied ist jedoch wesentlich, wenn wir die Frage stellen: Inwiefern können sie ein nachahmenswertes Beispiel sein – weniger für Schriftsteller als vielmehr für Journalisten, die der Faktentreue verpflichtet sind? Darf ein Reporter die Wirklichkeit korrigieren, und wenn ja, inwieweit? Wenn die Fiction-Literatur sich Reportagetechniken bedient, zahlt sie dafür keinen Preis. Wenn der Journalismus das Gebiet der Fiktion beschreitet, dann macht das die Schilderung des Reporters attraktiver, nicht selten tiefer, doch dafür zahlt er auch einen hohen Preis – den der Glaubwürdigkeit. Ein solches Werk kann angezweifelt werden, und das hat man auch öfter getan. Kapuściński war ein integrer Reporter und Schriftsteller mit einem genialen Talent. Aber stellen wir uns einen weniger talentierten und weniger integren Journalisten vor, der meint, er dürfe die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion frei überschreiten: Was für ein Werk erhalten wir dann? Genau diese Befürchtung begleitet mich, wenn ich einige seiner Bücher in das Regal mit Literatur einsortiere. Mein Kollege in der Redaktion der „Gazeta Wyborcza“, Wojciech Jagielski, der„Wanderer der Nacht“ über die Kindersoldaten in Uganda herausgebracht hat, verhielt sich ehrlich, als er ausdrücklich klarstellte, einige der Protagonisten seien fiktiv, wenngleich nach authentischen Personen modelliert. Er nannte das Buch eine Erzählung. Ich teile seine Ansicht, wenn er sagt, dass es für die Glaubwürdigkeit des Journalismus nicht gut ist, wenn ein Reporter sich zu viel erlaubt.

Im Zeitalter des Internets lässt sich alles schnell überprüfen, und eine Schriftstellerei, wie Kapuściński sie betrieb, wäre unmöglich. Worin bestand sein „kreatives Verhältnis zu den Fakten“?
Freunden, die mit ihm in Afrika waren, hat er einmal irgendeine Agenturmeldung gezeigt. Sie begannen zu protestieren: Rysiek, das war nicht da, sondern dort, und die Reihenfolge der Ereignisse war eine andere. Ihr versteht überhaupt nichts, entgegnete er irritiert, es geht nicht um die Einzelheiten, sondern um den Kern der Sache. Von Wojciech Giełżyński danach gefragt, ob er eine leichte Entstellung des Tatsachenverlaufs zulasse, beispielsweise eine Korrektur der Chronologie zur Erzielung eines besseren Effekts, antwortete er, ja, man dürfe die „Wirklichkeit ausbauen“, sofern man sich authentischer Elemente bediene.

Ihre Gesprächspartner in Addis Abeba, die Kapuściński aufgesucht hatte, stellen nicht nur Einzelheiten in Frage, sondern ziehen auch die Beurteilung Haile Selassis in „König der Könige“ in Zweifel.

In „König der Könige” beschreitet Kapuściński eindeutig das Gebiet der Literatur. Die Hofschranzen sprechen dort in einer barocken Sprache, und ihre Äußerungen sind gewählt literarisch konstruiert. Um diese Geschichte – und in dieser Form - schreiben zu können, las er Barockliteratur. Einer seiner Literatenfreunde meint, „König der Könige“ sei der bedeutendste polnische Roman des 20. Jahrhunderts! Daran ist etwas Wahres. Deshalb bin ich skeptisch gegenüber der Kritik von engen Spezialisten. „König der Könige“ oder „Schah-in-schah“ wie Lehrbücher der Geschichte Äthiopiens und des Irans zu lesen, ist ein Irrtum. Kapuściński präsentiert bestimmte intellektuelle Konstruktionen, er universalisiert menschliche Verhaltensweisen und die Mechanismen gesellschaftlicher Erschütterungen. Nach der Inszenierung von „König der Könige“ in London gratulierte ihm einer der Zuschauer, er habe die Mechanismen in einem großen Konzern perfekt dargestellt. Ich ziehe es vor, dieses Buch als ein Traktat über die Macht zu lesen und nicht als eine Geschichte über den Feudalherrscher Äthiopiens.

War er nicht hinreichend informiert? Hat er die Fakten vielleicht für ideologische Zwecke zurechtgebogen?
Wenn man seine Korrespondenzen für die Nachrichtenagentur PAP liest, kann man sich rasch davon überzeugen, wie viel er wusste und wie kompetent er in der Materie war, über die er schrieb. Wenn seine Texte Ideologie enthielten, dann entsprang sie seinen Überzeugungen: Er war lange ein gläubiger Kommunist. Er war weder ein Zyniker, noch ein Wallenrod, der das eine schrieb und etwas anderes dachte. Bis in die späten siebziger Jahre glaubte er an das System Volkspolens. Noch in der Solidarność-Zeit 1980-81 interessierte ihn, obwohl ihn die neue Bewegung faszinierte, vor allem die Reform der Partei [hier die Vereinigte Polnische Arbeiterpartei, Anm. d. Red.], er sympathisierte mit den sogenannten horizontalen Strukturen. Seinen Parteiausweis gab er im Kriegszustand zurück.

Sie schreiben auch, er habe selbst als loyales Parteimitglied die Unabhängigkeit seiner Sicht bewahrt.
Und das nicht nur einmal. Als er PAP-Korrespondent in Lateinamerika war, lagen Moskau und Havanna gerade im Streit über die revolutionäre Strategie in der Region. Moskau wandte sich damals gegen Guerillakämpfe im Stile von Che Guevara. Che war in Moskaus Augen nicht koscher, weil er Revolutionen auslöste, wo und wie er wollte, ohne die Sowjets zu fragen, womit er ihnen die Beziehungen zu Washington in der Zeit der sogenannten Friedlichen Koexistenz verdarb. Kapuściński sympathisierte unterdessen gerade mit solchen „Christussen mit dem Gewehr über der Schulter“, die – entgegen den Anweisungen des Kreml – mit der Waffe in der Hand kämpfen gingen. Er übersetzte Guevaras Bolivianisches Tagebuch, das dank guter Beziehungen zum ZK zwar erschien, später aber in Volkspolen nie wieder neu aufgelegt wurde.

Er sympathisierte mit den Guerilleros, aber dann wurden seine Bücher in den USA glänzend aufgenommen.
Nicht ohne Zwischenfälle. Der amerikanische Verleger, der in puncto eventueller juristischer Konsequenzen empfindlich war, verlangte eine Erklärung, dass die Personen und Äußerungen in „König der Könige“ wahr sind. Kapuściński übernahm eventuelle Ansprüche – er wusste, es würde keine geben.

Weil die Personen nicht authentisch waren?
Selbst wenn sie es waren, nennt er schließlich nicht ihre Namen, sondern nur Initialen. Als „The Emperor“ 1983 in den USA erschienen, wurde es glänzend aufgenommen, und „Shah of Shahs“ war zwei Jahre später ähnlich erfolgreich. Für ein ausgezeichnetes Klima um „The Emperor“ sorgte der Futurologe Alvin Toffler, dem Wiktor Osiatyński das Manuskript des Buches zugespielt hatte. Eine Rolle spielte auch John Updikes Rezension im renommierten Wochenmagazin „The New Yorker“. Uneigennützige Promotion für Kapuściński machte Salman Rushdie, als er „The Emperor“ in einer Umfrage als Buch des Jahres wählte. Der Schneeball des Ruhms war ins Rollen gekommen. Kapuścińskis Bücher sind in mehr als 20 Sprachen übersetzt worden. Die größte Karriere machte er wohl in Spanien, das sich der Dritten Welt zugewandt hat, und in Italien. Das in den neunziger Jahren übersetzte „Imperium“ befriedigte das Bedürfnis nach einer Erzählung über den Zusammenbruch des Systems in unserem Teil Europas. In beiden Ländern ist die linke Kultur stark, der Kapuściński nahestand. Aber er hatte international auch Kritiker, die ihm Fehler vorwarfen, wie auch die Überschreitung von Grenzen, die der Journalismus nicht überschreiten sollte.

Warum hatte er in Polen keine Kritiker?
Er wollte geliebt werden, daran arbeitete er – und er wurde tatsächlich geliebt. Was er schrieb, war überragend, aber die Kritik hat sich schon viele Überragende vorgenommen. Kapuściński entwaffnete sie mit seiner persönlichen Ausstrahlung. Er kannte die einflussreichen Rezensenten und setzte sie mit seinem persönlichen Charme außer Gefecht. Er wusste, dass er eine dünne Haut hatte und abfällige Meinungen schlecht vertrug. Er wusste auch, dass er unter Anspannung schrieb, und dass es nicht leicht ist, bis zu gefährlichen Regionen in Afrika vorzudringen, wo man die Gesundheit oder auch das Leben aufs Spiel setzt. Und wenn ihn nach all dem irgendein halbgebildeter Rezensent verhöhnen sollte … Er schützte seine Arbeit. Małgorzata Szejnert sagt, dass in der Natur nichts verloren geht, und befürchtet, dass der Mangel an Kritik nach dem Gesetz des Pendels mit übermäßiger, ungerechter Kritik zurückschlagen wird. Ich teile diese Befürchtung. Mangel an Kritik, für einen Autor immer angenehm, hat auch eine unangenehme Kehrseite: Über dessen Werk wird nicht nachgedacht. Kapuściński wird in Polen als „Unser großer Landsmann“ gefeiert, als Journalist des Jahrhunderts, doch was er über die Welt sagte, passt nicht sehr in den Mainstream des Denkens in Polen, es weckt kein fundiertes Interesse. Und das ist sehr schade. In der Vergangenheit sympathisierte er mit bewaffneten Rebellen in der Dritten Welt und zuletzt mit einer neuen linken Welle, den Kritikern des Neoliberalismus. Er kritisierte die Kriegspartei in Amerika, die imperiale Antwort der USA auf die Bedrohung durch den Terrorismus, und die Invasion des Irak. Er sprach davon in Interviews, schrieb es in kurzen Reflexionen, doch niemand regte sich darüber auf oder stritt dagegen (ich kenne nur eine Ausnahme: die Polemik von Ernest Skalski in meiner Zeitung). Hätte all das jemand anderes geschrieben, dann hätte er von rechten und liberalen Publizisten Prügel bezogen oder wäre als Linksradikaler in eine Lachzelle gesperrt worden. Doch weil es Kapuściński war, gehörte es sich nicht, ihn zu kritisieren, sich an dem, was er sagte, zu reiben, also wurde es höflich totgeschwiegen. Schade – denn vielleicht wäre eine ernsthafte Diskussion zustande gekommen. Dabei wäre ich mit ganzem Herzen und mit meiner Feder auf Rysieks Seite gewesen. Tatsache ist aber auch, dass er Konfrontationen und Polemiken nicht mochte. Er wollte gern angehört werden, heftige Auseinandersetzungen waren nicht sein Ding.

Im Laufe der Zeit wechselt Kapuściński das Rollenfach: Vom Reporter, der die Welt entdeckt, versucht er, zum Weisen zu werden, diese Welt zu verstehen und zu erklären. Ich hatte ihn in der ersten Rolle lieber.
Diese Evolution hatte zwei Gründe. Der erste war das Alter: Er riss sich nicht mehr um lange, strapaziöse Reisen, zumal er gesundheitliche Probleme hatte. Er reiste fast bis zum Schluss, aber gewöhnlich nur für kurze Zeit. Der zweite Grund waren seine Aspirationen. Als er Reporter war, wollte er ein Schriftsteller sein. Zu einem seiner Freunde hat er gesagt: Du bist Schriftsteller, ich dagegen nur Journalist. Nachdem man ihn als Schriftsteller betrachtete, hatte er den nächsten Wunsch: ein Denker zu werden. Einige Kritiker meinen, dass er dann innovativ war, wenn er physischen Kontakt zur Wirklichkeit hatte, wenn er müde und schmutzig wurde; der Bibliotheks-Kapuściński – wie sie sagen – ist unausgewogen. Ich halte auch den Bibliotheks-Kapuściński für originell. Er bezweifelte die Ansicht, dass in den Jahren des Kalten Krieges in der Dritten Welt ein Kampf zwischen dem guten Westen und dem bösen Kommunismus stattgefunden hat. Er zeigte, dass der Westen die unterdrückende Kraft in den Ländern des Südens war. Diese Überlegung übertrug er auf die Zeit nach dem Kalten Krieg. Er hatte originelle Überlegungen zu den Wurzeln des Totalitarismus. In „Afrikanisches Fieber“ [„Heban“, 1998] schreibt er, die Verachtung gegenüber dem Anderen, die Behandlung des Anderen als Nicht-Menschen sei in die Logbücher der Sklavenjäger eingetragen worden. Die Europäer, denen eine derartige Verachtung in den Zeiten des Holocaust und des GULag widerfuhr, hätten vorher gegenüber den Afrikanern genauso gehandelt. Er bemerkte auch, dass in der Epoche der Globalisierung riesige Landstriche der Welt entglobalisiert wurden, er sprach von ihnen als den neuen weißen Flecken auf der Landkarte. Er machte kleine geniale Entdeckungen – z.B. dass das Leben in Afrika durch die Erfindung des Plastikkanisters, in dem man Wasser tragen kann, revolutioniert wurde. Er entwickelte keine großen Theorien, doch in kleinen Beobachtungen war er oft origineller als so mancher Weiser.

Sie weisen darauf hin, dass Kapuściński seine eigene Legende geschaffen hat. Aber wozu stützt sich ein herausragender, international erfolgreicher Schriftsteller auf eine Legende? 
Er stammte aus einem kleinen Land, dessen Sprache im Ausland, jenseits des Eisernen Vorhangs, niemand verstand. Er war der Ansicht, eine Legende zu brauchen, um bemerkt zu werden. Verdientermaßen genoss er den Ruf eines Zeugen der Revolution, des Untergangs des Kolonialismus, der Geburt der Dritten Welt. Zu diesem Bild fügte er hinzu oder ließ zu, dass andere es glaubten, er habe viele legendäre Persönlichkeiten gekannt, ja, sei sogar mit ihnen befreundet gewesen, mit Lumumba, Che Guevara… Unterdessen kam er nach Afrika, als Lumumba schon nicht mehr lebte. Dass er beide gekannt habe, stand auf dem Umschlagtext der englischen Ausgabe vom „Fußballkrieg“, doch als ihn der Che-Biograph Jon Lee Anderson darauf ansprach, sagte Kapuściński, es handele sich um einen Fehler des Verlegers. Den Fehler hat er nie korrigiert, die Information über die Freundschaft mit Che erschien auf den Umschlägen weiterer Bücher und in Reportagen über ihn… Die Legende wuchs von selbst.

War es mit den Erzählungen über gefährliche Abenteuer auch so?
Ich weiß, dass er, wenn er Freunden von ihnen erzählte, das mit einem Augenzwinkern tat. Im Laufe der Jahre begann er, diese Legende ernst zu nehmen und nicht zu korrigieren, wenn beispielsweise über nicht zustande gekommene Erschießungen geschrieben wurde. Übrigens geriet er viele Male in wirklich gefährliche Situationen, etwa während des Krieges in Angola.

Er wurde nicht vor ein Exekutionskommando gestellt?
Das ist eine Angelegenheit voller Nuancen. Ich bitte, geduldig das Buch abzuwarten.

Sie waren befreundet. Fiel es Ihnen nicht schwer, den Rysiek zu zeigen, der kein Denkmal ist?
Anfangs ein wenig. Aber Menschen leben schließlich nicht auf Denkmälern, sondern auf dem Boden. Kapuściński hatte seine Denkmäler und Hagiographien, doch nach wie vor wussten wir wenig über ihn. Über das, was er geschrieben und gesagt hat, wird in Polen nicht nachgedacht. Wie jeder Autor habe ich den naiven Glauben, dass mein Buch das ändern wird – ohne diesen Glauben macht es keinen Sinn, sich an den Computer zu setzen. Ich bin auch der Ansicht, dass ein mit Komplimenten, Lorbeeren und unreflektierter Begeisterung überhäufter Kapuściński wenig spannend ist, er lehrt nichts und fordert nicht heraus. Nur der nicht-fiktive Kapuściński ist faszinierend und lehrreich. Während der Arbeit am Buch musste ich öfter an ein Gespräch mit Professor Clayborne Carson aus Stanford denken, einem Historiker und Herausgeber der Schriften von Martin Luther King. Carson war ein Vertrauter von dessen Witwe, sie überließ ihm sämtliche Papiere ihres Mannes, stellte ihm das Archiv zur Verfügung, und dann entdeckte er, dass King in seiner Doktorarbeit ein Plagiat beging. Und er veröffentlichte das in der Presse. Die Witwe war wütend, aber mit der Zeit begriff sie, dass ein integrer Wissenschaftler nicht anders handeln konnte. Sie hatte Klasse. Ich habe Carson gefragt, ob ihn die Entdeckung niedergeschmettert habe. Er antwortete, er habe King nie als einen Gott gesehen, sondern als einen Menschen. Denn es sei faszinierend, wie gewöhnliche Menschen imstande sind, ungewöhnliche Dinge zu tun. Es sei nicht gut, sie zu bewundern, weil sie vollkommen sind, denn wenn sich herausstelle, dass sie Fehler haben – und die haben sie immer (King beispielsweise hatte eine Schwäche für Frauen) – muss unser Glaube in sich zusammenstürzen. Es sei besser, Idole wegen der ungewöhnlichen Dinge zu bewundern, die sie tun, obwohl sie gewöhnliche Wesen sind. Mit den Worten meines Professors im Gedächtnis kann ich Rysiek trotz verschiedener Entdeckungen weiterhin bewundern – als Freund und Meister.

In einem Kapitel beschreiben Sie Kapuścińskis Beziehungen in den oberen Etagen der PVAP.
Wir lesen und lieben Kapuściński, weil er ein großer Reporter und Schriftsteller war. Und groß war er nicht deshalb, weil er [die ZK-Sekretäre Ryszard] Frelek oder [Zenon] Kliszko kannte. In der Tat unterhielt er Kontakte, auch freundschaftliche, zu Machthabern, die ihm bei seiner Karriere halfen. In Volkspolen musste irgendjemand diese Auslandsreisen für zweckmäßig halten, unterstützen, den Antrag unterschreiben usw. Kapuściński verstand es, sich in diesen Verhältnissen zurechtzufinden. Er ließ sich jedoch nicht aus Zynismus mit den Machthabern ein. Über viele Jahre war er ein Kommunist aus Überzeugung und fast drei Jahrzehnte Parteimitglied. Er erlebte Enttäuschungen, glaubte aber lange an den Sozialismus, zumal da er den Kapitalismus und den Westen in seiner kolonialen und postkolonialen Version kannte, von der Seite der Verheerungen und Verbrechen, die die freie Welt an den Ländern des Südens verübte. Volkspolen betrachtete er als seinen Staat, und Kontakte zu den Machthabern waren für ihn nichts Beschämendes, anders als in den heutigen Erzählungen der Entkommunisierer. In seinen letzten Jahren freute er sich weniger über Erfolge, vielmehr befürchtete er, die Lustratoren könnten ihm schaden. Er befürchtete auch, die Legende könnte zerbröseln. Seit Mitte der neunziger Jahre fühlte er sich – intellektuell und geistig - im Ausland besser als in Polen. Nach den ersten Jahren, in denen man sich im Westen am Ende der Geschichte berauschte, kam das Bedürfnis nach einer Linken zurück, und Kapuścińskis Herz schlug bis zum Schluss links, und zwar in der Art der Dritten Welt – sensibel gegenüber Unrecht und Ungleichheit. In Polen, wo das marktwirtschaftliche und neoliberale Denken dominiert, fühlte er sich ein bisschen wie jemand von einem anderen Planeten. In den „Lapidaria“ gibt es Eintragungen, deren sich die radikalen Kritiker des Neoliberalismus und der neuen Formen des Imperialismus nicht schämen würden. Ausgezeichnet fühlte er sich, wenn er Seminare in Lateinamerika leitete oder Lesungen in Spanien und Italien hielt. Dort gab es zwischen ihm und seinem Publikum eine Chemie, wie er sie in Polen wohl nie gespürt hat.

„Kapuściński non-fiction” von Artur Domosławski erscheint am 1. März  im Verlag Świat Książki. Das Buch entstand im Auftrag des Znak-Verlags, der sich jedoch entschied, es nicht zu drucken.

 

Der Text erschien in der Polityka Nr. 4/2010 vom 20.1.2010. Übersetzung: Silke Lent |Redaktion: Paul-Richard Gromnitza

 

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