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Der Schakal im Adler
Vor 70 Jahren wurde während einer Besprechung im Warschauer Königsschloss beschlossen, ein „wohlgemeintes Angebot“, das der polnischen Regierung von Hitler unterbreitet worden war, abzulehnen. Keine in Polen getroffene Entscheidung hatte wohl auf das Geschehen in Europa und der Welt je einen solch großen Einfluss, wie eben diese.

Im Grunde genommen ging es weder um Danzig (Gdańsk), noch um die exterritoriale Autobahn oder darum, Polen vom Meer abzuschneiden. Um zu verstehen, was im Winter 1938-1939 Gegenstand der Gespräche war, muss man ein paar Jahre zurückgehen. Die chronische Krise, die die deutsch-polnischen Beziehungen beherrschte, drohte mit Hitlers Machtergreifung 1933 zu eskalieren. Man möchte meinen, der nationalsozialistische Kanzler hätte die antipolnische Politik seiner Vorgänger zumindest fortführen wollen. Um so größer war die Verwunderung der Weltöffentlichkeit, als sich in den staatlichen Beziehungen unerwartet Entspannung einstellte und am 26. Januar 1934 sogar der „Deutsch-Polnische Nichtangriffspakt" unterzeichnet wurde. Das Thema der Verschiebung der deutsch-polnischen Grenze verschwand von der Tagesordnung.

Die Normalisierung der Beziehungen zum Deutschen Reich ist Marschall Józef Piłsudski und dem Außenminister Józef Beck zu verdanken. Die Sicherheit der Polnischen Republik beruhte auf militärischer Macht und einem Bündnis mit Frankreich. Jedoch hätte die militärische Übermacht über die auf 100.000 Mann reduzierte deutsche Armee hinfällig werden können, sollte es Berlin gelingen, diesen Bereich im Beschluss des Versailler Vertrages streichen zu lassen. Das Bündnis mit Frankreich wurde außerdem zunehmend unglaubwürdiger, da Paris - angefangen mit der Konferenz in Locarno (1925) - immer deutlicher danach strebte, seine Verpflichtungen Warschau gegenüber zu lockern. Im Übrigen hatte Frankreich seinen Bündnispartner von Anfang an wie einen Vasall behandelt und das Bündnis mit Polen als willkommenes Druckmittel auf Deutschland ausgenutzt. Es wurde befürchtet, dass die nach Verständigung mit Deutschland strebenden westlichen Großmächte zumindest eine Teil-Korrektur der deutsch-polnischen Grenze für notwendig befinden könnten. Die Entspannung in den Beziehungen zum Deutschen Reich gab der Warschauer Regierung entschieden mehr Möglichkeiten zu agieren. Für Piłsudski und Beck blieb jedoch das Bündnis mit Frankreich das Fundament, dem sie einen wahren partnerschaftlichen Charakter verleihen wollten. Dieses Bündnis zu stärken und es durch ein analoges Verhältnis zu Großbritannien zu ergänzen, wäre für die führenden Köpfe Polens die ideale Lösung gewesen. In Warschau war man der Meinung, dass die neuen Machthaber Deutschlands eher an einer Expansion in Richtung Südosten interessiert seien und deshalb von der für Preußen typischen antipolnischen Politik abgehen werden. Im Übrigen äußerte der Marschall seinen Mitarbeitern gegenüber, dass seiner Meinung nach die guten Beziehungen zu Deutschland einzig eine Übergangslösung sein konnten, die man nur schwer länger als vier Jahre werde halten können. Angesichts der versöhnlichen Tendenzen der westlichen Hauptstädte gegenüber dem Deutschen Reich hätte die Linie des 26. Januar - wie die Politik ab 1934 im polnischen Außenministerium genannt wurde - eine Medizin gegen die Appeasement-Politik sein können, gegen die Streichelpolitik gegenüber Deutschland, die auf der falschen Hoffnung beruhte, dass es mittels Zugeständnissen (auf Kosten kleinerer Länder) nicht nur gelingen würde, einen zerstörerischen Krieg zu verhindern, sondern Berlin zu friedlicher Zusammenarbeit zu bewegen.

Dass Hitler von der bisherigen antipolnischen Politik abging, hatte zunächst taktische Gründe. „Die Umstände zwangen mich dazu, ganze Jahre lang fast ausschließlich über Frieden zu sprechen", gab er 1938 auf einer geschlossenen Sitzung für deutsche Journalisten zu. „Der Führer" wollte das Regime erst durch die Risikozone geleiten, solange Deutschland noch schwach war. Er wollte Zeit gewinnen, seine Herrschaft festigen, aufrüsten, das französische Bündnis-System schwächen, indem er einen Keil zwischen Frankreich und Polen schlug, potenzielle Gegner irre führen und die Versuche, eine antideutsche Konstellation zu bilden, torpedieren. In seinen Ansprachen und diplomatischen Noten versicherte er gleichbleibend seine angeblich ausschließlich friedlichen Absichten. Der Deutsch-Polnische Nichtangriffspakt sollte beweisen, dass er bereit war, selbst dort zu einer Einigung zu finden, wo der Konflikt unumgänglich schien. Kurze Zeit später jedoch war der nationalsozialistische Diktator der Meinung, das aus strategischen Gründen geschlossene Abkommen mit dem östlichen Nachbarn könne in eine dauerhaftere Bindung übergehen. Er kam zu dem Ergebnis, dass es gelingen könnte, für Polen einen Platz im zukünftigen „deutschen Europa" zu finden.

Hitler plante bereits seit Beginn der 20er Jahre ein großdeutsches Imperium, damals noch als Anführer einer unbedeutenden rechtsradikalen Partei. Sein Expansionsprogramm schrieb er bald in „Mein Kampf" nieder und bestätigte nach seiner Machtergreifung in vertraulichen Gesprächen mit seinen Paladinen unzählige Male, dass die zuvor gesetzten Ziele und Konzepte aktuell bleiben. Sein Hauptziel war, das Deutsche Reich in eine Großmacht zu verwandeln und eine unantastbare Hegemonie Deutschlands in Europa herzustellen. Dies sollte noch zu Hitlers Lebzeiten umgesetzt werden. Die Aufgabe der zukünftigen Generationen der Deutschen sollte höchstwahrscheinlich darin bestehen, nach der Weltherrschaft zu streben.

Die Grundlage für eine Großmachtposition sollte ein deutsches Imperium im Osten Europas bilden, hauptsächlich errichtet auf den Trümmern der Sowjetunion. Denn dort, und nicht in den Überseekolonien, sah Hitler Lebensraum für das deutsche Volk. Mehr noch, die Zerschlagung der UdSSR wäre für die kommunistische Bewegung auf der ganzen Welt ein Schlag gewesen und hätte außerdem bedeutet, ein Kettenglied der „internationalen jüdischen Verschwörung" zu eliminieren. Um dies erreichen zu können, musste das Deutsche Reich Bündnispartner finden, in erster Linie, um Frankreich zu neutralisieren, den ewigen Feind Deutschlands. Hitler war der Meinung, dass Deutschland in diesem Punkt mit Italien würde rechnen können. Er träumte von einem Bündnis mit Großbritannien, aber das hielt ihn auf Distanz. Dafür wurde Japan sein Bündnispartner und Mitunterzeichner des im November 1936 geschlossenen Antikominternpaktes.

Zu den Bündnispartnern des Deutschen Reiches sollte auch Polen zählen. „Der Führer" war der Meinung, dass Polen, das Deutschland von der UdSSR abschirmte und über kein geringes militärisches Potenzial verfügte, dem Deutschen Reich zur Seite stehen könnte. Eine nicht geringe Rolle spielte die ehrliche Anerkennung Hitlers und einiger anderer nationalsozialistischer Funktionäre für Piłsudski, dem Bezwinger der Roten Armee von 1920. Große Bedeutung hatte die Tatsache, dass das von Piłsudski eingeführte System von den Prinzipien einer parlamentarischen Demokratie abwich, die Hitler verachtete.

Ab 1933 kam der Kanzler in fast allen Gesprächen mit polnischen Diplomaten auf die sowjetische Gefahr zu sprechen und betonte die bedeutende Rolle Polens im Osten. Kurz darauf kam es zu intensiven Bemühungen, Polen als Bündnispartner zu gewinnen. Die Hauptrolle spielte dabei Herman Göring, in dessen Obhut Hitler die Beziehungen zu Polen gegeben hatte. Görings regelmäßige Besuche seit 1935 und die Jagden, die währenddessen im Białowieża-Urwald veranstaltet wurden, boten günstige Gelegenheiten, die deutschen Angebote geradezu ohne Umschweife zu unterbreiten. Auch andere nationalsozialistische Funktionäre engagierten sich dafür, Polen an das Deutsche Reich zu binden, beispielsweise Joseph Goebbels, der davon überzeugt war - wie er in seinem Tagebuch schrieb - dass „eine Linie Berlin-London-Rom-Warschau nicht zu verachten" wäre, oder der zukünftige Generalgouverneur Hans Frank. Letzterer versuchte Anfang 1936 in Warschau seine Gastgeber davon zu überzeugen, dass „Polen und Deutschland, wenn sie zusammen gehen, eine Macht bilden würden, der man sich in Europa nur schwer würde widersetzen können, einen Block, der eine Masse von 100 Millionen Menschen umfasst".

In die Gewinnung Polens schaltete sich frühzeitig unter anderem auch Joachim von Ribbentrop ein, noch bevor er Chef von Hitlers Diplomatie wurde. Im deutschen Außenministerium, in dem Anhänger der traditionellen antipolnischen Linie dominierten, akzeptierte man den neuen Kurs zähneknirschend und versuchte nicht selten, ihn zu torpedieren. Nur ungern nahmen die deutsche Gesellschaft und ein großer Teil der konservativen Elite die neue Politik gegenüber Polen an. Viele führende Köpfe der deutschen Minderheit in Polen verbargen ihre Enttäuschung nicht und beklagten, Berlin würde seine Landsleute hinter der östlichen Grenze im Stich lassen. Die polnische Seite begegnete den deutschen Avancen entweder mit vorsichtiger Absage oder wich ihnen aus. Warschau bemühte sich um ein bestmögliches Verhältnis zu Deutschland, jedoch ohne sich an das Deutsche Reich zu binden. Weiterhin war oberstes Gebot, eine feste Garantie seitens Frankreichs zu bekommen, und dabei gleichzeitig Bedingungen zur Annäherung an Großbritannien zu schaffen. Angesichts der versöhnlichen Tendenzen Deutschland gegenüber, die in der Pariser und besonders in der Londoner Politik immer dominanter wurden, wäre es verantwortungslos gewesen, von der „Linie des 26. Januar" (wie in Warschau die Pflege gutnachbarlicher Beziehungen zum Deutschen Reich genannt wurde) abzugehen.

Neben dem Nichtangriffspakt mit Deutschland verfügte die Republik Polen über einen ebensolchen aus dem Jahr 1932 mit der UdSSR. Mit keinem der beiden benachbarten Großmächte wollte Polen ein Bündnis gegen die jeweils andere eingehen. Diese Strategie wurde im polnischen Außenministerium Politik des Gleichgewichts genannt. Heute führt dieser Begriff ein wenig in die Irre, denn er suggeriert, Warschau hätte sich um ein gleichermaßen gutes Verhältnis mit Deutschland wie mit der UdSSR bemüht. Weit gefehlt. Das Verhältnis zu Moskau verschlechterte sich von Jahr zu Jahr und gipfelte 1938 beinahe in einen Zustand des Kalten Krieges. Entgegengesetzt verhielt es sich mit den Beziehungen zu Berlin, in denen eine ausgezeichnete Atmosphäre herrschte. Hitlers Funktionäre besuchten Warschau regelmäßig. Hier und da wurden gar Stimmen laut, die behaupteten, Polen sei stiller Verbündeter des Deutschen Reiches geworden.

Die Versuche, das polnisch-französische Bündnis wieder zu beleben, endeten in einem Fiasko; die Beziehungen zwischen beiden Partnern waren nicht die besten. Schuld daran waren beide Seiten, denn im polnischen Außenministerium reagierte man alte Frustrationen ab, die von Frankreich durch sein gönnerhaftes Auftreten hervorgerufen worden waren. Warschaus Lavieren zwischen Berlin und Paris, das aus einem Zwang heraus entstanden war, brachte Minister Beck im Westen den Ruf eines illoyalen Partners ein. Fakt ist, dass Polen damals die besten Beziehungen zu Staaten aufrecht erhielt, die den Status quo infrage stellten: Deutschland, Italien, Japan, Ungarn - während das Bündnis zu Frankreich zu einer Fassade verkam.

Der Höhepunkt der deutsch-polnischen Annäherung fiel in die Sudetenkrise 1938. Die Position Polens kam dem Deutschen Reich zu Pass, das sich bei Polen dafür viele Male bedankte. In der Zeit der Appeasement-Politik hätte es an Wahnsinn gegrenzt, wenn sich die polnische Regierung gegen Deutschland engagiert hätte, und für die in Polen unbeliebte und Polen gegenüber unfreundlich eingestellte Tschechoslowakei eingetreten wäre. Etwas anderes war jedoch die aktive Teilnahme an dem antitschechoslowakischen Einsatz. Das Ultimatum, das Prag gedankenlos gestellt wurde und die Forderung nach Abtretung des Olsa-Gebietes unter Androhung eines bewaffneten Angriffes enthielt, verstand die Weltöffentlichkeit als von Polen kopierte deutsche Methode. Die Titelzeile der schwedischen Tageszeitung Dagens Nyheter vom 4. Oktober 1938 „Die Nachahmer Deutschlands" gehörte zu den gemäßigten. Recht verbreitet war dagegen der Vergleich mit einem Schakal, der ein Opfer angreift, dem zuvor ein wesentlich stärkeres Raubtier bereits den Garaus gemacht hatte. Ein für antihitlersche Ansichten bekannter britischer Kommentator schrieb: „Wenn Hitler jetzt Polen angreift, werde ich ‚Sieg heil' rufen!". Es gab viele ähnliche Sichtweisen. Noch im selben Monat legte der französische Botschafter Leon Noël seinen Vorgesetzten ein Memorial vor, das zur Reduzierung der Verpflichtungen gegenüber Polen aufrief, da Polen auf der Seite der Gegner Frankreichs agiere. Polen drohte Isolation.

Unter diesen Umständen wurde im deutschen Außenministerium der Vorschlag laut, den Fehler Warschaus auszunutzen und Polen „eine Rechnung für das Olsa-Gebiet" auszustellen. Man war überzeugt, dass dem diskreditierten Polen niemand zu Hilfe eilen würde, wenn sich das Deutsche Reich zur Lösung des Problems um den pommerschen Korridor entschließen sollte. Hitler aber war anderer Ansicht.

Der deutsche Diktator war überzeugt, dass Großbritannien ihm keine freie Hand im Osten geben würde. Die Appeasement-Politik der westlichen Großmächte stellte ihn nicht zufrieden, und die Münchener Konferenz betrachtete er nicht etwa als Erfolg sondern als weiteren Versuch, die deutsche Expansion zu kontrollieren. Er war der Meinung, dass die westlichen Großmächte ihm nicht gestatten würden, im Osten ein Imperium zu erschaffen, denn sie würden in einer deutschen Hegemonie auf dem Kontinent eine Bedrohung ihrer eigenen Interessen sehen. In dieser Situation galt es, zunächst Frankreich und Großbritannien zu eliminieren. Bevor die Wehrmacht gen Osten ziehen sollte, musste Deutschland sein Hinterland absichern.

Hatte Hitler für seine Kreuzzüge gegen die UdSSR in Polen einen Bündnispartner gesehen, teilte er ihm jetzt, im Herbst 1938, eine andere Rolle zu. Die polnischen Divisionen sollten zunächst während der Auseinandersetzungen mit den westlichen Großmächten das Deutsche Reich absichern; der Angriff auf die Sowjetunion sollte erst nach dem Sieg über Frankreich stattfinden. In jedem Falle musste die polnische Regierung erst einmal dazu bewogen werden, sich eindeutig für Deutschland auszusprechen.

Die Vorschläge, die in einem Angebot über die generelle Regelung der deutsch-polnischen Beziehungen zusammengefasst wurden, unterbreitete Minister Joachim von Ribbentrop dem polnischen Botschafter Józef Lipski am 24. Oktober 1938, einen knappen Monat nach der Konferenz in München. Polen sollte sich dem Anschluss der Freistadt Danzig an das Deutsche Reich nicht widersetzen und einer exterritorialen deutschen Verbindung zu Ostpreußen durch Pomorze Gdańskie (Pommerellen) zustimmen. Im Gegenzug würde das Deutsche Reich endlich den Verlauf der deutsch-polnischen Grenze garantieren, und das Abkommen von 1934 sollte sogar auf 25 Jahre verlängert werden. Jedoch sollte es durch eine „Konsultationsklausel" ergänzt werden, was bedeutet hätte, Warschau hätte eingewilligt, in Zukunft seine Außenpolitik mit Berlin abzustimmen. Vor allem aber sollte Polen dem Antikominternpakt beitreten.

Hitler war der Meinung, dass er Polen ein überaus großzügiges Angebot unterbreitet hatte. In Sachen Danzig und der exterritorialen Autobahn hatte Berlin den Polen im Übrigen schon früher signalisiert, und das mehrmals, dass es diese Frage auf seine Weise lösen möchte, im Gegenzug dafür aber die Unantastbarkeit der gemeinsamen Grenze garantieren würde. Jedem anderen Politiker - so schrieb nach dem Krieg ein deutscher Diplomat -, der mit solch begrenzten Forderungen an Polen herangetreten wäre, hätte man den Ausverkauf nationaler Interessen vorgeworfen. Nur dass es in Hitlers Fall vor allem darum ging, Polen dem Deutschen Reich unterzuordnen und einen gehorsamen Verbündeten aus ihm zu machen. Ohne Lösung der polnischen Frage war es Deutschland weder möglich, den Westen anzugreifen noch gegen die UdSSR vorzugehen.

Die von Ribbentrop unterbreiteten Angebote beunruhigten Minister Beck nicht sonderlich, da er sie für eine Intrige Ribbentrops hielt. Über den Inhalt der deutschen Angebote informierte er weder die Franzosen noch die Briten, aber das war verständlich. Er gab sie allerdings auch nicht an das polnische Außenministerium weiter. Botschafter Lipski in Berlin empfahl er, das Angebot höflich abzulehnen und einzig gewissen Modifizierungen des Status quo in Danzig und Erleichterungen für den deutschen Transit durch den Korridor zuzustimmen.

Der Minister rechnete offensichtlich damit, dass es auch diesmal gelingen würde, die Sache im Sande verlaufen zu lassen, indem man die in den vergangenen Jahren erprobte Politik des Ausweichens und auf Zeit Spielens weiterführte. Auf einer Besprechung im Kreise der engsten Mitarbeiter am 4. November sagte er, dass „die Löwen gar nicht so schrecklich sind, wenn man mit ihnen enger zusammenlebt", und von den Tschechen könne man „noch viel erwirken". Er war überaus selbstsicher und überzeugt davon, dass „wir politisch an einem guten Punkt stehen". Es wird wohl schwer sein, ein besseres Beispiel für Desorientierung, Leichtsinn und Überbewertung der Rolle des eigenen Landes zu finden.

Beck hatte den Eindruck, die Bedeutung Polens für Hitler sei so groß, dass man noch lange die Linie des 26. Januar würde fortführen können. Er bemerkte nicht, wie sehr sich die Position Polens in den vergangenen Monaten verschlechtert hatte, gerade weil die deutsch-polnischen Beziehungen weiterhin sehr gut liefen. Bald sollte sich Beck wieder mit Hitler treffen. Minister Hans Frank, der Mitte Dezember in Warschau zu Gast war, beteuerte Deutschlands Freundschaft unaufhörlich. Für Ende Januar wurde der in der Geschichte erste Besuch eines Chefs der deutschen Diplomatie in der polnischen Hauptstadt angebahnt. Man bereitete sogar die Reise Heinrich Himmlers nach Polen vor, zu der es im Februar 1939 kam. Erst während der Gespräche mit Hitler in Berchtesgaden am 5. Januar 1939 musste sich Beck überzeugen, dass hinter den Angeboten der „Führer" persönlich stand. Der Kanzler bemühte sich um einen Gesprächsverlauf in bester Atmosphäre, doch Ribbentrop war am nächsten Tag wesentlich hartnäckiger. War Beck bisher davon ausgegangen, Deutschland würde angesichts der polnischen Absage nicht auf seine Oktoberangebote bestehen, musste er sich jetzt von seinem Irrtum überzeugen. Nach seiner Rückkehr nach Warschau informierte der Minister endlich Präsident Mościcki und Marschall Rydz-Śmigły über die deutschen Vorschläge. Die führenden Köpfe des polnischen Staates befanden einmütig, dass mit der Annahme des deutschen Angebotes (es handelte sich weiterhin nicht um Forderungen) die Republik Polen „unvermeidlich an Augenhöhe verlieren würde, was mit dem Verlust der Unabhängigkeit enden und sie in die Rolle eines Vasallen Deutschlands drängen würde". Beim Thema Danzig bzw. Transit mittels „Korridor" machte die polnische Seite zwar marginale Zugeständnisse und äußerte den Willen nach einer Kompromissfindung, andererseits jedoch versuchte man gleichzeitig, engere Beziehungen zu Frankreich und Großbritannien zu knüpfen. Minister Ribbentrop wurde am 25. Januar 1939 in Warschau (am Vortag des 5. Jahrestages der Unterzeichnung des Nichtangriff-Paktes) mit außerordentlicher Höflichkeit empfangen. Gast und Gastgeber überhäuften sich mit Versicherungen darüber, das freundschaftliche Verhältnis aufrecht erhalten zu wollen. Als Ribbentrop jedoch wieder auf das deutsche Angebot zu sprechen kam, erreichte er praktisch nichts.

Den letzten Versuch, Polen zu überzeugen, unternahm Ribbentrop in der zweiten Märzhälfte 1939, bereits nach der endgültigen Zerschlagung des tschechoslowakischen Staates und der Erschaffung des Protektorats Böhmen und Mähren. Die von Botschafter Lipski überbrachte Antwort des Ministers Beck ließ keinen Zweifel. „Die Polen bleiben unsere Feinde", notierte Goebbels die Worte des „Führers". Als dann wenige Tage später am 31. März 1939 Premier Chamberlain im britischen Unterhaus von Sicherheitsgarantien für Polen sprach, bekam Hitler einen Tobsuchtsanfall. Unter seinen Verwünschungen, die an die Briten gerichtet waren, war - wie der bei dieser Szene anwesende Admiral Wilhelm Canaris zu berichten wusste - die Ankündigung zu hören: „Ich werde sie durch die Hölle schicken!"

In der polnischen historischen Publizistik wird die Ablehnung des Hitlerschen Angebotes zuweilen als eine an Wahnsinn grenzende Entscheidung bezeichnet. Vertreter dieser Ansicht beziehen sich auf den politischen Realismus und sind der Meinung, man hätte Prestigefragen vernachlässigen, zur Tagesordnung übergehen und sich an der Seite der Deutschen an einem Angriff auf die Sowjetunion beteiligen sollen. Autoren derartiger Thesen sind sich häufig nicht darüber im Klaren, dass das Bündnis mit Polen Hitler in erster Linie einen Sieg über die westlichen Großmächte ermöglichen sollte. Keine polnische Regierung hätte es je geschafft, die Gesellschaft dazu zu zwingen, ein Bündnis zu akzeptieren, das gegen Paris und London gerichtet war. Darüber hinaus war nach dem Sieg über Frankreich und nachdem die Briten auf ihren Inseln eingeschlossen worden waren die Zerschlagung der Sowjetunion real möglich geworden. Der zweite Weltkrieg hätte vollkommen anders ausgehen können, dann wäre Polen - mit ausgebluteten Divisionen an der Ostfront - gänzlich der Gnade und Ungnade eines Nazidiktators und besessenen, rassistischen Wahnsinnigen ausgeliefert gewesen. Die Ereignisse der Jahre 1943-44 haben gezeigt, wie rücksichtslos das Hitler-Reich seine Bündnispartner behandelte. Eine Annahme des deutschen Angebotes hätte für das polnische Volk den Marsch in den Abgrund bedeutet.

Bei der Entscheidungsfindung zur Ablehnung des Angebotes war man in einigen Punkten von falschen Annahmen ausgegangen. Man unterschätzte die nationalsozialistische Dynamik Deutschlands. Man ging davon aus, dass Hitler trotz allem kein unberechenbarer Hasardeur war und dass die westlichen Regierungen dieses Mal Konsequenzen aus dem Fiasko der Appeasement-Politik ziehen würden. Alles in allem hatten die führenden Köpfe Polens, wenn sie die soeben erlangte Unabhängigkeit erhalten wollten, keine andere Wahl.

Der Artikel erschien in der Polityka Nr. 4/2009 vom 21.01.2009. Übersetzung Antje Ritter-Jasinska

  

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