szukaj
Přaja godać - Ich liebe Es, schlesisch zu sprechen
Ńy ma gańby godać po ślunsku - schlesisch zu sprechen, ist keine Schande. Unter diesem Motto wird an der Kodifizierung dieser Sprache gearbeitet.
Ahorcado/Flickr CC by SA

In der letzten Volkszählung erklärten 173.000 Personen ihre Zugehörigkeit zur nicht anerkannten schlesischen Nationalität, und 56.000 polnische Staatsbürger gaben an, sich als familiäre Erstsprache des Schlesischen [im Sinne von Schlonsakisch] zu bedienen. Die alteingesessene Bevölkerung Oberschlesiens spricht derzeit über ein Dutzend Mundarten oder auch Dialekte. Das ist noch keine Sprache. Der erste Schritt zu einer eigenen Sprache ist die Vereinheitlichung der Grammatik und Orthographie. Diesen Weg beschritten vor Jahren die Kaschuben, die aus der Vielzahl kaschubischer Mundarten im Zuge eines Kompromisses ihre Literatursprache schufen. Sie wurde in das vor einigen Jahren verabschiedete Gesetz über nationale und ethnische Minderheiten sowie über Regionalsprachen hineingeschrieben. Vorläufig als die einzige nichtpolnische im Lande. Ein Teil der Schlesier möchte, dass diesem Gesetz auch die schlesische Regionalsprache hinzugefügt wird. Das wird nicht leicht werden, denn bei dieser Kodifizierung schwingen nationalitäten- und autonomiepolitische Töne mit. Bei den Kaschuben gab es das nicht.

„szl" wie Schlesisch

Mit der Kodifizierung (Standardisierung) des Schlesischen befasst sich seit über einem Jahr eine Arbeitsgruppe von Wissenschaftlern und Sprachliebhabern, zugleich aber auch deren alltäglichen Benutzern. Darunter gehören ihr Vertreter zweier kürzlich entstandener Vereine an: der Gesellschaft zur Pflege der Schlesischen Sprache „Danga" und der Gesellschaft zur Kultivierung und Förderung der Schlesischen Sprache „Pro Loquela Silesiana". Ihre Präsenz entpolitisiert dieses Sprachprojekt bis zu einem gewissen Grade. Denn kräftig unterstützt wird die Standardisierung von der Bewegung für die Autonomie Schlesiens (RAŚ) und dem Verband der Bevölkerung Schlesischer Nationalität (ZLNŚ) (letzterem verweigern polnische und europäische Gerichte seit 13 Jahren die formelle Registrierung). Für die Autonomisten wie für die Funktionäre des Verbands, die auf eine Anerkennung einer schlesischen Nationalität drängen, war die Frage der Sprache immer am wichtigsten. Beiden Organisationen werden in Polen - ein bisschen auf Zuwachs - separatistische Neigungen zugeschrieben.

Andrzej Roczniok, der Vorsitzende des formal nicht existierenden Verbands ZLNŚ, erreichte vor zwei Jahren - unterstützt von der RAŚ - die Aufnahme des Schlesischen in das von der US-Kongressbibliothek geführte Register der Sprachen der Welt. Diesem Umstand ist zu verdanken, dass das Schlesische unter der Kennung „szl" auf die internationale Liste ISO 639 gelangte. Dem Antrag hatte man - als Beleg dafür, dass es sich um eine lebende Sprache handelt - über ein Dutzend auf Schlesisch geschriebener Bücher und Publikationen über die schlesische Sprache angefügt. Zwar hat eine solche Eintragung keinerlei verfügende Bedeutung, doch die Kaschuben meinten zuvor ebenfalls, dass es lohnt, im Register der Kongressbibliothek verzeichnet zu sein, weil das den Status hebt. Die Zahl der Sprachen auf der Welt wird auf rund 6.000 geschätzt - davon besitzen annähernd 800 eine eigene schriftliche Form, der Rest sind gegenwärtig lediglich gesprochene Dialekte.

Nach Auffassung von Dr. Józef Kulisz, dem Vorsitzenden von Danga (danga = Regenbogen, kommt in den schlesischen Mundarten auch als dynga oder dónga vor), hat eine solche Registrierung nur symbolische Bedeutung, wie die Eintragung irgendeines polynesischen Dialekts. „Wichtig ist, was wir vor Ort dafür zu tun imstande sind, die Sprache der Väter und Vorväter vor dem Vergessen zu bewahren", sagt Kulisz, ein wissenschaftlicher Mitarbeiter der Schlesischen Technischen Hochschule in Gleiwitz. „Und der erste Schritt zur Bewahrung des Schlesischen ist die Kodifizierung und Anerkennung als Regionalsprache."

Nicht alle sind derartigen Aktivitäten wohlgesonnen. Andrzej Spyra, ein alteingesessener Schlesier, Chef der Bewegung Polnisches Schlesien und Vizemarschall der Wojewodschaft Schlesien, meint, sie hätten einen politischen Unterton. Die Sprache solle eine Hintertür zur Anerkennung einer schlesischen Nationalität öffnen. Sie soll ein unabweisbares Argument sein. „In meiner Familie ist das Schlesische seit Generationen präsent und wurde immer als einer der Dialekte der polnischen Sprache angesehen", sagte er bei dem letzten Treffen der Kodifizierungsgruppe mit Vertretern der Wojewodschaftsverwaltung und schlesischen Parlamentariern. Spyra wendete sich gegen eine Standardisierung.

Die Arbeit der Kodifizierungsgruppe wird von Prof. Jolanta Tambor geleitet, einer Sprachwissenschaftlerin an der Schlesischen Universität und gebürtigen Schlesierin. Vor ein paar Jahren schrieb sie in der Monatszeitschrift „Śląsk", eine Kodifizierung der schlesischen Mundarten zu einer einzigen Sprache sei unmöglich. Ähnlicher Ansicht war in einem Gespräch mit der „Polityka" Prof. Jan Miodek von der Universität Breslau: „Der schlesische Dialekt ist so furchtbar polnisch, dass er keiner Kodifizierung bedarf", sagte Miodek, ebenfalls ein Schlesier. „Die literarische Variante des Schlesischen ist das Polnische. Und Schluss, da gibt es nichts zu diskutieren."

„Ich nehme nichts von dem zurück, was ich damals geschrieben habe", sagt Prof. Tambor: „Ich habe auf die Forderung reagiert, aus dem Schlesischen eine Nationalsprache zu machen, und dazu gab es meine Zustimmung nicht und wird es sie nicht geben." Sie meint, dass die Schlesier keine Nation und nicht einmal eine Nationalität sind, sondern lediglich eine sich stark unterscheidende ethnische Gruppe.

„Jahrelang habe ich die Studenten gelehrt, dass Kaschubisch nur ein Dialekt der polnischen Sprache ist. Aber da es das polnische Parlament als eine Regionalsprache anerkannt hat, muss man es genau so behandeln. Ähnlich, hoffe ich, wird es mit der Vereinheitlichung des Schlesischen; ich schließe nicht aus, dass dereinst die Góralen aus dem Karpatenvorland in Versuchung geraten, sich um ihre eigene Regionalsprache zu bemühen", meint Prof. Tambor. Und sie warnt: „Falls ich allerdings merke, dass die Arbeiten an der Kodifizierung der Regionalsprache zu nationsbildenden oder autonomistischen Prozessen ausgenutzt werden, ziehe ich mich von diesem Projekt zurück." 

Mje ńyma gańba - Ich schäme mich nicht

Jahrelang wurden diejenigen, die versuchten, sich des Schlesischen zu bedienen, in den Schulen ausgelacht und auf der Arbeit schikaniert. In Volkspolen tolerierte man lediglich das verwässerte mundartliche Schlesiertum in den Witzen über die Masztalskis [in einem Kabarettprogramm von Journalisten des Kattowitzer Rundfunks] und polonisierte folkloristische Auftritte des Ensembles „Śląsk". Das Schlesische ging allmählich im Meer der polnischen Nationalsprache unter. Heute sind wir Zeugen einer Renaissance der schlesischen Sprache.

„Das ist großenteils dem Internet zu verdanken", bemerkt Kulisz. Genau so lernten sich die Gründer von Danga kennen. „Bevor wir anfingen, uns im Internet in unseren schlesischen Mundarten zu verständigen, wusste ich nicht, wohin mit meinem Schlesiertum." Kulisz lebt in dem Dorf Strzebin bei Lubliniec. Väterlicherseits hat er schlesische Wurzeln, die mindestens bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen. In der Grundschule hatte er keine Probleme mit der Sprache: Im Unterricht wurde polnisch gesprochen, in den Pausen, mit den Schulkameraden und zu Hause schlesisch. Er sagt, den ersten Schock habe er im Ferienlager erlebt, wo er der einzige Schlesier in der Gruppe war. Noch schlimmere Erinnerungen hat er an die erste Klasse des Lyzeums [poln. Pendant zum deutschen Gymnasium, Anm. d. Red.] in Tarnowskie Góry: „Ich wurde verspottet, schikaniert und beleidigt", sagt er. „Aber ich habe mich darauf versteift und nicht lockergelassen: Mein Recht, nach dem Unterricht unsere Mundart zu sprechen, habe ich mit Fäusten verteidigt." In der zweiten Klasse beruhigte es sich: „Es stellte sich heraus, dass die halbe Klasse Schlesier waren."

Die Deutschen haben eine Redewendung, dass es gut zu wissen ist, wo der Schuh drückt. „Und wir Schlesier wissen noch nicht genau, was und wo es uns drückt", meint Kulisz. „Als wir darüber diskutierten, wie es mit unserem Schlesiertum weitergehen soll, kam die Idee zu „Danga", einer Basisbewegung, die sich für die Revitalisierung der schlesischen Sprache und ihre Entwicklung zu einem vollwertigen Instrument der alltäglichen Kommunikation einsetzt.

Worin die Erneuerung des Schlesischen bestehen soll, zeigt das Beispiel des landesweiten [Internet-]Diktats der schlesischen Sprache {http://dyktando.org/}. Nach den Ferien wird die dritte Ausgabe erscheinen. In der ersten offenbarten sich gleich 10 Vorschläge für die Schreibweise des Textes. In der zweiten verwendete man - unter dem Motto: „Schlesisch zu sprechen, ist keine Schande" - die am meisten verbreitete phonetische Orthographie. Sie wird einfach als „schlesisch" bezeichnet.
Polnisch: Ja się nie wstydzę [Ich schäme mich nicht]. Verwässerte schlesische Mundart [auch „Wasserpolnisch" genannt]: Jo się nie wstydza. Schlesisch [Schlonsakisch]: Mje ńyma gańba. Und entsprechend: Ja cię kocham [Ich liebe dich] - Jo cie kochom - Jo ci přaja.

Es wird eine schlesische Fibel geben

„Was Polen in den Witzen über die Masztalskis hört, ist ein Kabarett-Schlesisch, ein Falsifikat unserer wahren Sprache", meint Kulisz. Und das, was man in der [komödiantischen] Fernsehserie „Święta wojna" [Heiliger Krieg] zu hören und zu sehen bekommt? „Inhaltlich ärgert mich diese Serie einfach", sagt Tambor. „[Die Hauptfigur] Bercik ist in ihr nicht tollpatschig, denn ich kenne viele tollpatschige Schlesier, sondern einfach nur dumm. Wenn es um die Sprache geht, dann ist sie nicht schlecht. Bercik spricht tatsächlich echtes Schlesisch, Andzia [dessen Frau] übrigens auch. Es ist nur schade, dass gutes Schlesisch mit dummen Rollen und Texten gezeigt wird."

In den meisten schlesischen Elternhäusern dominiert ein verwässertes Schlesisch. Man muss also von Grund auf beginnen. Bis Ende des Jahres wird der erste „ślabikorz" fertig sein - die erste schlesische Elementarfibel. Daran arbeitet „Danga" zusammen mit Pro Loquela Silesiana. Deren Sekretär Mirosław Syniawa erläutert, dass der „ślabikorz" sich teilweise an der kaschubischen Elementarfibel orientiert. Er richtet sich nicht an Erstklässler, sondern an Kinder, die bereits die Grundlagen der polnischen Sprache kennen. Wahrscheinlich wird er in den dritten Klassen eingesetzt. „Die Elementarfibel soll Lesen und Schreiben beibringen, gleichzeitig aber auch von der schlesischen Kultur, von schlesischen Traditionen und Gebräuchen erzählen", erklärt Syniawa.

Noch ist nicht bekannt, wie der erste Satz in diesem schlesischen Lehrbuch lauten wird, aber bestimmt wird sich darin unter anderem ein Lesestück über den Besuch eines Enkels im Schrebergarten seines Großvaters finden, der ihn mit den Worten begrüßt: Wenn du schon mal da bist, kannst du für mich die Radieschen (radiski) gießen, die Gießkanne (giskana) ist in der Laube (lauba).

„Lauba" ist für Prof. Tambor ein Beispiel dafür, dass man sich nach der Standardisierung des Schlesischen die Wörterbücher, darunter die Synonymlexika, vornehmen muss: „Bei mir, in der Gegend von Ruda Śląska und Königshütte (Chorzów), war das ein Holzhaus für Gartengeräte, bei Gleiwitz eine Veranda vor dem Haus und im Teschener Schlesien ein Bogengang, eine Arkade. Wir gehen zur ‚pasterka' [Christmette], unsere Vorfahren dagegen gingen zur ‚jutrznia' [Frühmette]."

Stilisierungen à la Morcinek

Ausgangspunkt im andauernden Kodifizierungsprozess des Schlesischen sind dessen drei Hauptvarianten: die Oppelner, die oberschlesische (Prof. Tambor nennt sie die revierschlesische) und die Teschener  Mundart. „Wir wollen auf dem Kompromissweg eine gemeinsame Literatursprache schaffen", kündigt Kulisz an.

Vorbild ist wieder das Kaschubische. „Die kaschubische Literatursprache ist ein bisschen anders als alle regionalen Varianten des Kaschubischen", sagt Prof. Tambor. Nach ihrer Einschätzung hatten die Kaschuben einen leichteren Weg, weil der Kodifizierungsprozess dort schon im 19. Jahrhundert begann. „Außerdem haben die Kaschuben eine sehr reiche, sogar Jahrhunderte zurückreichende Literatur in ihrer eigenen Sprache, während bei uns im Prinzip erst an der Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert literarische Werke auf Schlesisch entstanden." Und was ist mit Schriftstellern wieGustaw Morcinek? „Morcinek hat nie auf Schlesisch geschrieben, er hat lediglich auf Polnisch erdachte Texte mit schlesischen Elementen ausgeschmückt." Das nennt man Stilisierung. „Als die kaschubische Literatur aufblühte, war in Schlesien, das sich innerhalb der Grenzen Deutschlands befand, polnisch zu schreiben ein Maßstab des Patriotismus."

Dem Kodifizierungsprojekt der schlesischen Sprache wird vorgeworfen, dass man in ihr keine wissenschaftlichen und industriellen Prozesse beschreiben können wird, dass also eine tote Sprache entsteht. „Eine Regionalsprache muss nicht die Wissenschaft bedienen, dafür gibt es keinen Bedarf, dazu ist die Nationalsprache da!", konstatiert Prof. Tambor. Sie sagt, sie würde überhaupt keine wissenschaftlichen Arbeiten auf Schlesisch herausbringen wollen, denn wer sollten deren Adressaten sein? „Schon das, was wir heute auf Polnisch schreiben, hat einen relativ geringen Umlauf. Um in der globalen Welt der Wissenschaft in Erscheinung zu treten, muss man sich in einer der internationalen Sprachen verständigen." Eine Regionalsprache hat eine andere Funktion: Sie ist zur Bewahrung der eigenen Identität unerlässlich.

Der Kaschube gab uns vor...

Vier Jahre nach der Anerkennung des Kaschubischen als Regionalsprache lernen es in Pommern in diesem Schuljahr fast 10.000 Kinder. In sieben Grundschulen gehört es schon zum Pflichtprogramm (die Note wird somit in die Durchschnittszensur eingerechnet). Es würde noch mehr gelernt werden, aber es mangelt an Lehrern. 15 Schüler haben im Abitur eine Prüfung in Kaschubisch abgelegt. In Kürze wird an der Pommerschen Pädagogischen Hochschule ein Postdiplomstudium der kaschubischen Sprache angeboten. Auch die Universität Danzig wird Lehrer in dieser Fachrichtung ausbilden. Immer mehr Bücher und Zeitschriften erscheinen in kaschubischer Sprache. Rundfunk- und Fernsehprogramme werden gesendet. Messen werden auf Kaschubisch gehalten. Man kann Amtsgeschäfte auf Kaschubisch erledigen. „Da kann man nur neidisch werden", sagt Kulisz.

Nach Ansicht der Kodifikatoren sind die Arbeiten an der Vereinheitlichung des Schlesischen fast zu 90 Prozent abgeschlossen. Um die orthographischen Gewohnheiten der Bevölkerung, die sich dieser Sprache bedienen wird, nicht zu beeinträchtigen, wird die Schreibweise des Schlesischen auf der polnischen Rechtschreibung basieren. Es werden drei, vielleicht auch vier neue Buchstaben eingeführt, beispielsweise zur Bezeichnung des gesenkten „o" oder des Oppelner Diphthongs „ou". Wenn die Standardisierung beendet ist, wird es bereits Aufgabe der Abgeordneten sein, einen Entwurf zur Novellierung des Gesetzes vorzulegen (einen derartigen Entwurf haben schlesische Abgeordnete bereits im September 2007, unmittelbar vor der Auflösung des Sejm eingebracht, doch das wurde lediglich als Wunsch aufgefasst, sich bei den Wählern beliebt zu machen) und den Rest des Parlaments von der schlesischen Regionalsprache zu überzeugen.

Und davon, dass mit ihrer Einführung kein schlesischer Separatismus droht.

 

Der Artikel erschien in der Polityka Nr. 38/2009 vom 16.09.2009. Übersetzung Silke Lent | Redaktion: P. Gromnitza

 

Czytaj także

W nowej POLITYCE

Zobacz pełny spis treści »

Poleć stronę

Zamknij
Facebook Twitter Google+ Wykop Poleć Skomentuj