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Ich Liebe Juliusz
Professor Alina Kowalczyk über Juliusz Słowacki, den am meisten unterschätzten polnischen Dichter der Romantik

Justyna Sobolewska: Juliusz Słowackis Geburtstag jährt sich zum 200. Mal. Wie wird heute sein Schaffen bewertet?

Alina Kowalczyk: Die Bedeutung seines Schaffens wächst gewaltig. Noch vor nicht allzu langer Zeit hat Mickiewicz' Schaffen die Standards unseres Patriotismus, unseres Heroismus und unserer Leidensgeschichte bestimmt. Słowacki lebte im tiefsten Schatten des ersten Dichterfürsten. Zwar hat Mickiewicz einmal gesagt, Słowackis Schaffen sei wie eine Kirche, was Słowacki entzückte, aber Mickiewicz fügte sogleich hinzu: Wie ein Kirche ohne Gott, also ohne Vaterlandsgeist. Heute ändert sich das: Niemand stellt Mickiewicz' Größe infrage, aber es lässt sich auch eine Hinwendung zu Słowacki beobachten. In der Epoche der Romantik werden Werte entdeckt, die in unsere Zeit passen.

Mickiewicz hat Słowackis Stiefvater Dr. Béc als Verräter gebranntmarkt. Dr. Béc starb durch einen Kugelblitz, was als göttliches Zeichen interpretiert wurde.

Słowacki liebte Dr. Béc, an seinen Vater konnte er sich nicht erinnern. Die Jugend der beiden Dichter verlief sehr unterschiedlich ... Mickiewicz lebte die Jugend eines glühenden Patrioten und Propheten. Der junge Słowacki wurde in das Muster eines von der Romantik abgewandten Dichters gepresst. Ihm wohlgesinnte Literaturhistoriker weisen jedoch auf die patriotische Atmosphäre hin, die ihn seit seiner Kindheit umgab. Es wird angedeutet, dass „im Salon der Frau Salome" nicht nur die Crème de la Crème der Universitätsprofessoren verkehrte, sondern auch die Philomaten ["Freunde des Wissens", hier eine Studentenverbindung um Adam Mickiewicz, Anm. d. Red.]  Komplotte schmiedeten (was nicht der Wahrheit entspricht). Den Salon gab es auch später noch, nur dass dann die Russen den Platz der polnischen Elite einnahmen. Frau Béc führte den heranwachsenden Juliusz in diese Gesellschaft ein. Er verkehrte bei dem berühmten Professor Pelikan, traf Nowosilzow zum Tee. Das war kein besonders patriotisches Milieu. 

In Warschau hat sich sein Leben vollkommen verändert. Er begann, in einer Bank zu arbeiten.

Er war ein Geistesarbeiter in dritter Generation und konnte sich nicht vorstellen, nur Gedichte zu schreiben, ohne arbeiten zu gehen. Er bemühte sich sehr um eine feste Anstellung. In Warschau hatte er keine Freunde, er fühlte sich einsam. In dieser Zeit vollzog sich in seinem Bewusstsein eine Wende. Nach dem Ausbruch des Novemberaufstands [im Jahr 1830, Anm. d. Red.],  wurde er überraschend zu dessen Barden, verfasste vier Gedichte, die die Polen und die Litauer zum Kampf aufriefen. Eines der Gedichte wurde bis Dezember gar acht Mal abgedruckt. Mehr noch: Er gab seine erträumte Stelle auf, um Sekretär in der neu gebildeten Nationalregierung zu werden. Unglaublich! Manche aber werfen ihm vor, dass er am 8. März Warschau verlassen hat, dabei waren nach der Schlacht um Olszynka Grochowska alle sicher, dass der Aufstand niedergeschlagen und ein Massenexodus eintreten würde. Słowacki war ein echter Patriot und unterstützte den Aufstand so weit er konnte. Mickiewicz traf nicht rechtzeitig ein. Als der Völkerfrühling ausbrach, fuhr Mickiewicz nach Rom zum Papst. Der damals schon ernsthaft erkrankte Słowacki begab sich gleich nach Posen, nahm an der Versammlung des Stabes teil. Sofort, ohne zu zögern.

War er wirklich so kränklich und zart, wie immer gesagt wird?

Diese Zartheit passt zum Image des romantischen Dichters. Aber es lohnt sich, sie etwas zu entmythologisieren. Wenn wir Słowacki als physisch und psychisch schwach wahrnehmen, bleibt sein Leben relativ farblos. Dabei war es ein bisschen anders. Juliusz konnte - wie wir wissen - am längsten Walzer tanzen (er schaffte mit Hersylka, seiner Stiefschwester, 280 Umdrehungen!). Und als er das Heilige Land besuchte, fielen alle vor Müdigkeit um, während er aufs Pferd stieg. Er kletterte auf Berge und Hügel - besonders kränklich konnte er nicht gewesen sein.

Es sieht danach aus, dass - im Gegensatz zum Stereotyp des romantischen Poeten, der in den Wolken schwebt - Słowacki mit beiden Beinen auf der Erde stand.

Er lernte mit Begeisterung die Welt kennen. Er besuchte Museen, ergötzte sich an Kirchen, er mochte das, was wir heute „Popkultur" nennen: Volksfeste und Feuerwerke, er kannte das Pariser Leichenhaus. Er ging sogar ins Theater zu schwachen Stücken, um seine Lieblingsschauspielerin zu sehen (Mickiewicz verachtete derartige Unterhaltung, er besuchte ausschließlich die Oper). Als Słowacki entzückt die Fontänen von Versailles sah, rechnete er sogleich durch, wie viel der Wasserverbrauch kostet. Er spielte an der Börse. Er interessierte sich für die Errungenschaften der Wissenschaft und der Zivilisation. Während einer Schiffsreise in den Osten zogen Dampfmaschinen seine Aufmerksamkeit auf sich. In London schaute er sich an, wie ein Tunnel unter der Themse gebaut wurde; als er von Paris ans Meer fuhr, berechnete er die durchschnittliche Geschwindigkeit. Er wuchs in einer Familie auf, die gegen die Religion gleichgültig war. Wie schön aber schrieb er über Gott („Beniowski"!). Spuren seines Interesses für Ökonomie sind in seinen Dramen zu finden. Beispielsweise lässt sich das Datum der Entstehung von „Fantazy" mit der in dem Werk erwähnten tatsächlichen Zuckerkrise auf dem europäischen Markt in Zusammenhang bringen. Mir gefällt, wie er an das Leben heranging, sein Streben danach, jeden Augenblick auszukosten. Sogar seine Neigung zur Exaltation gefällt mir. Ich liebe ihn, obwohl er mich, wenn ich ihn gekannt hätte, sicherlich mit seiner überzogenen Egozentrik genervt hätte.

Das ist Biografie - aber was vermag heute, da es zu einer Abkehr von der romantischen Tradition kommt, den Leser an seinem Schaffen zu fesseln?

Wir wenden uns wahrscheinlich nur von dem Stereotyp ab, der die romantische Tradition mit einem nach Unabhängigkeit strebenden Patriotismus gleichsetzt. Es hat unserem Vaterland das Überleben und die Wiedergeburt ermöglicht, muss aber heute aktualisiert werden. Die Tradition der Romantik bleibt lebendig, wenn wir auch andere Werte wahrnehmen, die gerade in Słowackis Schaffen am besten zur Geltung kommen: Die Kühnheit der Gedanken, das Innovative künstlerischer Entwürfe, die großartige dichterische Fantasie, die ironische Kritik, das ungeduldige Streben nach dem Aufdecken der Wahrheit, nach dem Herunterreißen der Masken, dem Entblößen der Gesichter, so wie es in „Fantazy" der Protagonist tut, indem er das Antlitz des Fürsten Respekt enthüllt. Und letztendlich seine Sicht auf die Welt und die Geschichte als ein Geflecht unerwarteter Ereignisse und grotesken Chaos', mit der er seiner Epoche weit voraus war.

Aber damals wussten die Polen Słowacki nicht zu schätzen, in Europa hatte beinahe niemand von ihm gehört. Sie haben (in dem Buch „Romantik. Ein anderer Blick") geschrieben, dass er der europäischste der polnischen Romantiker war. Auch das weckte bei den Polen Antipathie.

In Europa war er unbekannt, weil seine Werke nicht übersetzt wurden, seine Dramen schafften es - zu seinen Lebzeiten - nicht auf die Bühne. Aber die Polen waren stets misstrauisch gegen das Europäische, denn es konnte die nationale Sache gefährden (noch vor kurzem, vor dem EU-Beitritt Polens, gab es ähnliche Befürchtungen!).

War es Mickiewiczs Urteil, das dafür gesorgt hat, dass Słowacki von seinen Zeitgenossen nicht anerkannt wurde?


Er wurde nicht gelesen. Mickiewicz war der Schöpfer des patriotischen Katechismus der Polen. Er gab - in seinen Artikeln in der Zeitschrift „Der polnische Pilger" - die Weisung, Leben und Schaffen in Gänze der Sache des Vaterlandes unterzuordnen. Patriotisch sollte geschrieben werden, nicht über Frauen und Blumen. Und er war das erste Opfer seiner Rigorosität. Als er nach den „Büchern des polnischen Volkes ..." und dem III. Teil der „Totenfeier" sein Poem „Herr Thaddäus" [Herr Thaddäus oder der letzte Einritt in Lithauen. Übers. von Siegfried Lipiner. Leipzig: Breitkopf u. Härtel 1882, Anm. d. Red. ] herausgab, wurde ihm vorgeworfen, wie denn er, unser Prophet, die Bezeichnungen „Brzytewka" (Schermesserchen) und „Scyzoryk" (Federmesserlein) für den polnischen Adel benutzen und dadurch dessen Ansehen beflecken könne. In keiner einzigen Zeitschrift der Emigration erschien eine wohlwollende Notiz über „Herr Thaddäus". Mickiewicz hörte auf, Gedichte zu schreiben. Seine wunderbare Lausanner Lyrik kannten seine Zeitgenossen nicht. Słowacki aber passte sich nicht an, wollte sein Schaffen nicht vollkommen dem patriotischen Rigorismus unterordnen. Und genau in die dreißiger Jahre fällt der großartigste Abschnitt seines Schaffens.

Und wie wirkte sein Schaffen später? Was ist in den Jahren danach bis heute in den Kanon eingegangen?

Leider wurde nicht das Innovative geschätzt, sondern das, mit Patriotismus oder melancholischer Beschaulichkeit Gespickte. Am meisten lanciert wurde der „Kordian", ein sehr patriotisches Drama, aber nicht sein bestes. Junge Frauen deklamierten das Poem „In der Schweiz", ein Werk, das mit seiner rührseligen Verzweiflung so sehr blendete, dass man unpassende, leicht perverse Momente geradezu übersah, wie die Szene, in der der Jüngling seine Geliebte während eines Gewitters in einer vereisten Felshöhle entjungfert. Seine patriotischen und lyrischen Gedichte waren populär. Schließlich hatte Słowacki eine reiche Fantasie, mystisch und blutig. Er war ein ausgezeichneter Dramaturg und Theaterkenner. Er schrieb eine Menge und hatte das Glück, dass sich die Zensur nicht in seine Publikationen einmischte: In Frankreich war er zu unbedeutend, seine Dramen wurden weder übersetzt noch aufgeführt. Anders als Viktor Hugo musste Słowacki seine Werke nicht verstümmeln.

Er besaß eine düstere Fantasie, seine Werke sind voller makabrer Dinge, abgeschnittener Köpfe, zischender Schlangen und diverser Grässlichkeiten.

Natürlich war er vor allem ein exzellenter Meister der Groteske. In dem „Poem des Piasten Dantiscus, dem Wappen Leliwa zugehörig, über die Hölle" („Poema Piasta Dantyszka herbu Leliwa o piekle") und in „Salomes Silbertraum" wird der jüngeren Geschichte - der Konföderation von Bar und dem Novemberaufstand - ein groteskes Konterfei verpasst. Eine solche Darstellung konnten die Polen nicht akzeptieren. Juliusz Kleiner verdächtigte Słowacki sogar, er habe diese Werke in einem Augenblick geistiger Umnachtung geschrieben. Der Stolz auf die eigene Geschichte verlangte, sie mit Ernst zu behandeln. Das Groteske hat lange nicht in unseren Kunstkanon gepasst, denken wir nur an Witkacy. Słowacki aber war in der Lage, mit der Geschichte zu spielen, ihre Gesetze als ein Spiel des Schicksals zu betrachten. Die Leichtigkeit seiner Feder ist faszinierend. 

Wie aber konnte der ironische und groteske Słowacki sich Towiański unterordnen? Kürzlich ist der Roman „Messiasse" von György Spiró erschienen, der unsere Romantiker als eine kleine Sektierergruppe darstellt.


Towiański besaß Charisma, er übte Macht über die Geister aus, war in der Lage, eine Sekte zu führen. Słowacki verließ seinen Kreis als einer der ersten. Den Glauben an die durchdringende und offenbarende Kraft des menschlichen Geistes jedoch hatte er von Towiański.

Es gibt Theorien, die behaupten, Słowacki sei homosexuell gewesen. Erst kürzlich war das in Jan Zielińskis Buch „Szatanioł" („TeufEngel") zu lesen.


Die Andeutung, er sei schwul gewesen, belebt sicherlich das Interesse des Publikums, wobei unerheblich ist, dass es keine Argumente gibt, die diese These bestätigten. Da kann ich mit der gleichen Ernsthaftigkeit behaupten, dass er - sollte er von der Norm abgewichen sein - eher eine inzestuöse Lesbe gewesen ist. Denn er unterschrieb die Briefe an seine Mutter mit „deine Sofia". In der Welt der Frauen kannte er sich nämlich hervorragend aus.

Aber warum hat er nicht geheiratet oder zumindest irgendwelche Affären gehabt?


Dass er hat nicht geheiratet hat und keine auffallenden Affären hatte, ist nicht verwunderlich: Er hatte hohe gesellschaftliche Ansprüche, aber er war ein einsamer, ziemlich verarmter Emigrant, wer hätte ihm seine Tochter gegeben? Er flirtete mit ihm bekannten Damen und es gab eine geheimnisvolle Florentinerin in seinem Leben, mit der er eine berauschende Nacht verbracht hat - soviel ist zu diesem Thema bekannt.

In der Literatur der Romantik spielten die Frauen keine große Rolle: Sie tauchen entweder als „armselige Geschöpfe" oder als „Mutter Polin" auf.

Słowacki war nicht nur im Bereich der künstlerischen Sprache innovativ. Er sah die Welt anders als andere Romantiker und stellte sie anders dar. Zum Beispiel die Frauen. Denken wir nur an Mickiewiczs Maryla. Was wissen wir von ihr? Ihretwegen leidet Gustaw. Aber wie war sie? Woran dachte sie? Wovon träumte sie? Liebte sie Gustaw? Das ist für Mickiewicz irrelevant. In Słowackis Dramen aber spielen Frauen die Hauptrollen, sie sind es, die von inbrünstiger Frevelhaftigkeit (siehe „Balladyna") oder Liebesleidenschaft geschüttelt werden und den Männern an Intelligenz und Gerissenheit in der Regel überlegen sind. Oder die Idalia in „Fantazy" - wie gewitzt sie ist! Sie konnte von den frommen Kritikern nicht als positive Figur wahrgenommen werden, weil sie einen allzu lockeren Lebenswandel führt. Doch wie wunderbar sie ihre Liebesintrige spinnt! Meine Lieblingsfiguren aber sind die Prinzessin und Salome aus „Salomes Silbertraum". Die Prinzessin sprüht vor Intelligenz, führt fantastische ironische Diskurse. Die naive Salome, ein adliges Fräulein, dass von Leon verführt wird, der - in einem Drama der Romantik! - über sie sagt, dass sie „langweilig ist wie ein Schaf zum Schlachten", mag ja vielleicht langweilig sein, besiegt ihn aber in einem Wortgefecht mit Leichtigkeit.

Heutzutage wird Słowacki gern auf die Bühne gebracht. Junge Regisseure lesen seine Dramen mit anderen Augen.

Seine Stücke werden anerkannt. Aber heute erfüllt das Theater andere Funktionen als damals. Die Tatsache, dass Słowacki auf den Plakaten steht, heißt noch lange nicht, dass auf der Bühne sein Text dominiert. Theateraufführungen sind von der Fantasie des Regisseurs bestimmt, manchmal ergibt das wunderbare, manchmal leider peinliche Effekte. Vielleicht sollte auf den Plakaten stehen (auch um beiden Künstlern gerecht zu werden): Ein Werk von Herrn X, inspiriert von Słowackis Drama. Und das Drama selbst muss man einfach lesen, dann geht sein künstlerischer Wert nicht unter, sein Humor, seine Ironie und die Groteske.

Słowacki hatte seinen großen Triumph 1927, als seine Gebeine von Paris auf den Wawel überführt wurden. Das war ein Fest der ganzen Nation.

Natürlich, denn Słowacki war Józef Piłsudskis Lieblingsdichter, angeblich konnte der Marschall den ganzen „Beniowski" auswendig. Und wer hätte den „König Geist" verkörpern sollen, wenn nicht Piłsudski? Słowackis Gebeine kehrten auf einem Schiff namens „Mickiewicz" auf der Weichsel ins Vaterland zurück. Das Flussufer war gesäumt von Massen der örtlichen Bevölkerung und von Schulkindern. In Warschau und dann in Krakau wurden die Feierlichkeiten mit nicht weniger Pomp abgehalten, als Słowacki in „Kordian" die Krönung des Zaren beschreibt. Eine Riesenfete. Auf Piłsudskis Wunsch erwies die ganze Nation Słowacki ihre Ehre.

Zum 150. Geburtstag war es nicht mehr so, und zu seinem 200. gibt es diesen Pomp ebenfalls nicht mehr.

Wir haben gelernt, unsere Gefühle für uns zu behalten, und die Poesie besitzt im Leben der Nation auch nicht mehr denselben Rang wie früher. Es gibt keine Dichterfürsten mehr, nicht sie sind es, die uns den Weg in die Zukunft zeigen. Das besorgen heute, weit weniger malerisch, die Politiker. Wer würde heutzutage einem Dichter solche Ehre erweisen?

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Das Gespräch führte Justyna Sobolewska. Es erschien in der Polityka Nr. 36 vom 2.9.2009 | Übersetzung Antje Ritter-Jasinska

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