Verfluchtes Land
Ein solches Drama hat die heutige Welt noch nicht gesehen … Der Wald bei Smolensk ist für die Polen verfluchtes Land. Das hätte nicht passieren dürfen.
Rafał Nowak/BEW

Seit Samstagmorgen wiederholt jeder von uns auf seine Weise die ersten Gedanken und die Sätze, die einem angesichts einer der schwersten Tragödien in der Geschichte Polens in den Sinn kommen. Der Tod des Präsidenten Polens, seiner Gattin, fast einhundert führender polnischer Politiker, Beamter, Abgeordneter, Geistlicher, Generäle, Vertreter der Angehörigen der Opfer von Katyń, und aller, die Lech Kaczyński auf seiner letzten Mission begleitet haben, hat nicht nur Polen erschüttert, sondern auf der ganzen Welt einen Schock und tiefe Betroffenheit ausgelöst. Niemand kann sich entsinnen, wann ein Drama von solch einem Ausmaß je einen Staat getroffen hat. Es drängen sich symbolische Assoziationen auf: Nicht weit entfernt von Katyń wird es ein weiteres polnisches Denkmal für neue Opfer eines sinnlosen und brutalen Schicksals geben. Sie wollten in unserem Namen denjenigen die Ehre erweisen, für die vor 70 Jahren, so wie jetzt für sie, der Anblick der Wälder bei Smolensk das letzte war, was sie in ihrem Leben sehen sollten. Es scheint, als hätte der eine Tod den anderen nach sich gezogen. Sie haben es nicht geschafft, ein einziges Wort an den Gräbern von Katyń zu sprechen; mit einer grausamen Phantasie hat ein "polnisches" Schicksal sie an dem gleichen Ort ihr Leben als Opfer darbringen lassen. Wir Polen haben eine neue Nationallegende, wie wir sie uns nicht hätten selbst ausdenken können.

Erschreckend ist das Ausmaß dieser Katastrophe. Eigentlich hinterlässt jeder Name auf der Liste der Opfer eine imponierende Biografie. Diese Menschen waren in unserem öffentlichen Leben seit vielen Jahren präsent; sie haben die höchsten Ämter bekleidet, hatten einen nicht geringen Anteil am Aufbau des freien Polens, wurden von Millionen Wählern gewählt, waren in ihren Kreisen Autoritäten und – und das ist das Wichtigste – vor ihnen lagen unzählige Pläne und Aufgaben. Heute sagen wir uns, dass die Politik nebensächlich ist, dass sie alle [Opfer, d. Red.] polnische Patrioten und wertvolle Menschen waren. Der plötzliche Tod hat sie dem Staatsdienst, dem Freundeskreis, der Familie entrissen. Jeder, der den Tod einer ihm nahestehenden Person erlebt hat, kann sich den unermesslichen Schmerz vorstellen, den die Angehörigen der Opfer empfinden. Öffentlich und privat ausgesprochene Worte des Mitgefühls, spontanes Entzünden von Grablichtern, Messen und Gebete in polnischen Kirchen, Staatstrauer – viel mehr können wir nicht tun. Den Nächsten der Opfer möchten wir so das Gefühl geben, dass wir ihnen in diesen Tagen beistehen, dass Polen sein Haupt neigt.

Es ist nicht der richtige Augenblick, um die Folgen dieser Tragödie für die staatlichen Institutionen zu analysieren. Davon abgesehen werden wir damit zurechtkommen. Die Institutionen bleiben bestehen, Polen ist ein reifer, demokratischer Staat. Aber Menschen sind niemals ersetzbar, mit jedem einzelnen geht etwas Unnachahmliches, etwas Einmaliges von uns. Nach dem 10. April wird die Republik Polen anders sein. Dieser Schlag, der die polnische Politik auf den Kopf stellt, minimiert die Parteien-Streitigkeiten, kompromitiert die alltägliche politische Sprache und die – heute sehen wir, wie dumm das ist – fieberhaften Emotionen, die so viele anständige Leute entzweit haben. Das politische Leben in Polen wird lange im Schatten dieser Tragödie stehen, vielleicht nimmt es auf lange Sicht auch mehr Format an, Zurückhaltung und ein Zusammengehörigkeitsgefühl, an denen es in letzter Zeit gefehlt hat.

Der Text erschien in der Sonderausgabe der Polityka vom 12.04.2010 | Übersetzung Antje Ritter-Jasinska | Redaktion: Paul-Richard Gromnitza

 

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