Die Höllenhunde des Polentums
Jede Partei hat etwas von einer Sekte. Aber nicht jede verhält sich wie die Kirche, die sich berechtigt fühlt zu bestimmen, wer erlöst und wer verdammt wird.
Jarosław Kaczyński
Kolanin/Wikipedia

Jarosław Kaczyński

Jarosław Kaczyński hat damit jedoch keine Schwierigkeiten. Er ist der Meinung, dass er wie der Papst seine politischen Rivalen mit dem Kirchenbann belegen kann. Kaczyński will zumindest die aus der Nation verbannen, die zu den deutsch-polnischen Beziehungen eine andere Meinung haben als er. Im Grunde droht generell für alles ein Bann des Parteivorsitzenden, was aus PiS' Sicht illoyal gegen Polen ist, was ein anderes Verständnis von zeitgenössischem Patriotismus und den aktuellen Interessen des Staates und der Nation hat. Eine solche Herangehensweise ist nicht nur dünkelhaft, sondern bedeutet auch eine  Rückentwicklung zu der polnischen Politik aus Volksrepublikszeiten, als eine einzige Partei [die PVAP, Anm. d. Red.] dem Volk diktieren wollte, wie es das Polentum zu verstehen hat, und die Polen in vollwertige, also parteitreue, und patriotische Minderbemittelte aufteilte. Dabei warnte Papst Johannes Paul II. davor, überhaupt jemanden vom Polentum auszuschließen. Seine Herangehensweise an die Nation und ihre Identität war wesentlich moderner als die von Kaczyński. Er verstand und akzeptierte, dass das komplexe und vielschichtige Dinge waren, die viele Traditionen miteinander verbanden. Das sagte er auch im damaligen Kontext eines Europas, das in Ost und West geteilt war. Er erinnerte die Polen an ihre multinationale, multikulturelle und tolerante Jagiellonen Republik. Das war keine nostalgische Sehnsucht nach der unwiederbringlich vergangenen Großmacht. Das war eine wichtige Stimme in der aktuellen Diskussion darüber, wer wir sind. Eine Nation als eine Gemeinschaft katholischer Polen oder eine politische Nation, die die Bürger des freien Polen eint, egal welcher ethnischen Herkunft sie sind, welcher Konfession sie angehören und welche politischen Vorlieben sie haben.

Die Gegenreformation der PiS

 
Vor gar nicht allzu langer Zeit, nämlich vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, war Polen eine der vielfarbigsten Gesellschaften Europas. Norman Davis erzählte einmal Katarzyna Janowska und Piotr Mucharski, wie er als junger Historiker das Piłsudski-Institut in New York besucht hatte. Die Tür wurde ihm von einer Frau geöffnet, die wie eine Mexikanerin aussah. Sie war jedoch polnische Tatarin aus Vilnius, die Tochter eines Offiziers im tatarischen Ulanen-Regiment der Vorkriegszeit.
Der Papst erinnerte damals Europa daran, dass die östlichen Völker in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ausgeschlossen sind. Sollte dieser Ausschluss überwunden werden, würde Europa mit beiden Lungenflügeln frei atmen können - dem westlichen und dem östlichen.
 
Vor diesem Hintergrund verhält sich die PiS-Kirche wie die Gegenreformation, wie eine Kraft, die versucht, Polen in die Epoche der Massenausschließung Andersgläubiger zurückzudrängen und vorzuschreiben, dass wahre Polen nur diejenigen sind, die an den Vorsitzenden Kaczyński glauben. Die Bürger der Dritten Republik Polens, die nicht der PiS-Kirche angehören, sind Dissidenten, Häretiker oder Heiden und haben weder Vertrauen noch Zusammenarbeit verdient. Nur in PiS liegt die Wahrheit von Nation und Geschichte, nur dort wird die Arche des Polentums und des Patriotismus bewahrt. Wer offen polemisiert, wird unter jedem Vorwand disqualifiziert, dafür dass seine Großeltern in der Kommunistischen Partei waren oder für seinen deutschen Nachnamen. Nur jemand mit einer solch inquisitorischen Mentalität bringt es fertig, einem amtierenden und demokratisch gewählten Premierminister offen vorwerfen, er würde Polen schaden und fremde Interessen vertreten. Man könnte darüber hinweggehen, wenn PiS heute nicht die größte Oppositionspartei wäre, die weiterhin mit der Macht liebäugelt, wenn sie nicht den Präsidenten stellte und wenn nicht über viele Auftritte der Kaczyński-Brüder in den Medien umfangreich berichtet würde (und berichtet werden muss). Dieses Gift sickert täglich in unser öffentliches Leben. Ein bitteres Brot ist das Polentum - schrieb Cyprian Norwid. Der polnische Zwist über die Definition von Patriotismus hat eine lange und reiche Geschichte. Viele seiner Teilnehmer gehören zum Kanon unserer Kultur, lebten oft in sonderbarer und schmerzlicher Zerrissenheit und führten nicht enden wollende Gespräche über den Sinn eines nationalen Aufruhrs und das Bedürfnis nach einem Polen, das real nicht existierte, weil der polnische Staat nicht existierte. Erst 1918 und dann zum zweiten Mal 1989 konnte dieser Anormalität ein Ende gesetzt werden.

Das Volk hatte einen Staat und die Diskussionen über Patriotismus bekamen einen praktischen Sinn. Projekte konnten umgesetzt, Polen konnte verändert, die Gemeinschaft konnte aufgebaut werden. Ja, aber nach welchem Verständnis von Geschichte und polnischem Patriotismus? Es stellte sich heraus, dass die langen Schatten der alten Streitigkeiten und Zwiste weiter in uns wirken. Aber niemand außer dem Vorsitzenden der PiS hat sich so weit vor gewagt und versucht, das Monopol auf das Polentum und den Patriotismus an sich zu reißen. Die Achse des Streits hat Norwid schon vor langer Zeit benannt. Als der Dichter Mickiewicz seinen Landsleuten nahe legte, von den Ausländern nichts zu lernen, ihnen stattdessen christliche Zivilisation beizubringen, warf der Einsiedler Norwid den Polen vor, dass sie „für Patriotismus halten, ihre eigenen Schwächen nicht zu kennen". Im Katholizismus reiben sich zwei Kirchenvisionen aneinander: die offene und die geschlossene. Ähnlich wie in den Streitigkeiten um den Patriotismus. Es gibt einen offenen und einen geschlossenen. Der offene polemisiert mit dem geschlossenen, negiert aber nicht sein Existenzrecht. Er lässt zu, die schwachen Seiten unserer Geschichte und Identität zu erkennen. Der geschlossene Patriotismus bevorzugt eine heroische Geschichte, einst zur Erbauung der Herzen, heute als Komplextherapie. Der offene Patriotismus wünscht eine kritische Geschichte, eine, die den Nationalstolz eher auf unserer Fähigkeit zur Diskussion darüber gründet, was in unserer Geschichte falsch gelaufen ist, was nicht gelungen ist, was schändlich war und dass wir daraus Konsequenzen für die Zukunft in Politik und Bildung ziehen. Der geschlossene Patriotismus mag solche Debatten nicht, wenn er sich aber doch einschaltet, dann nur, um Fakten und Argumente des kritischen Lagers zu widerlegen. Indem er Einzelheiten miteinander multipliziert, die den Gegenstand des Zwistes verwaschen, versucht er, die ethischen Fragen danach zu blockieren, warum Böses geschehen konnte und wer dafür die Verantwortung trägt.
 
Volk oder Mob
 
Es hatte den Anschein, dass sich nach den großen Debatten um das Buch von Jan T. Gross [Fear: Anti-Semitism in Poland After Auschwitz. Random House 2006, Anm. d. Red.] etwas ändern würde. Dass wir auf einem Weg sind, den andere Länder in Europa vor langer Zeit gegangen sind. Dass wir zu verstehen beginnen, dass im Zeitalter der offenen Grenzen und des Internets ein offener, einbeziehender Patriotismus und die mit ihm verbundene kritische Vision der eigenen nationalen Geschichte eine vielversprechendere Zukunft hat als eine Herangehensweise, die auf Teufel komm raus mythologisch ist. Aber nein - alle diese Reaktionen, die der Selbstverteidigung dienten, kehrten kürzlich wieder, als den Politikern ein SPIEGEL-Bericht über Hitlers europäische Helfer beim Völkermord an den Juden vorlag. Als die Ethnografin Alina Cała behauptete, dass die Kirche und das Endecja-Lager mitverantwortlich seien für die Tragödie der polnischen Juden, hat man ihr sofort Unprofessionalität vorgeworfen. Denn schließlich habe es vor dem Krieg wesentlich weniger als einhundert Pogrome gegeben und unter den Opfern seien auch Polen gewesen. Vielleicht war es so, aber viel wichtiger ist, dass die Pogrome überhaupt stattgefunden haben. Auf ähnliche Weise hat man das Buch „Angst" von Gross diskreditiert und dabei von der prinzipiellen Frage abgelenkt: Was hat in der polnischen Geschichte und Kultur bewirkt, dass ein Pole seine jüdischen Mitbürger so behandelt hat? Ja, ein Pole, denn wir hören bei derartigen Meinungsverschiedenheiten oft, dass die Polen nicht beschuldigt werden sollen. Es seien nicht Polen gewesen, sondern ein vom kommunistischen Geheimdienst provozierter Mob, der den Pogrom in Kielce ausgelöst hat. Leider hat dieser Mob auch zu unserem Volk gehört und ist auch in die Kirche gegangen. Heute scheinen mir Haltungen von Gross und Cała wesentlich patriotischer als das Herunterspielen des Problems der Mitverantwortung mittels Vorwurf methodischer Fehler.

Hannah Arendt schrieb: „das Böse, das mein Volk angerichtet hat, macht mich viel trauriger als das Böse, das andere Völker angerichtet haben". Und in diese Richtung geht heute Europa: In Richtung der kritischen Geschichte, abseits  von Selbstzufriedenheit, nach einem Konsens suchend. Deshalb nimmt man in Europa den SPIEGEL-Bericht über Hitlers europäische Helfer mit weniger Skepsis auf als unsere nationale Rechte (und Linke). Die Fakten sehen nämlich so aus: Die Helfer des judenmordenden Nazifaschismus' teilen mit ihm die Schande. Und das nimmt ganz und gar nicht die Hauptschuld vom Dritten Reich. Ähnlich steht es um den unglücklichen Satz im Europawahlprogramm der deutschen Christdemokraten. In Europa hat man das eher als eine angemessene Verurteilung der Vertreibung an sich verstanden, denn als Zeichen eines auf Polen abzielenden Revisionismus'. Vertreibung ist schließlich immer furchtbar. Auch dann, wenn die Vertriebenen oder Umgesiedelten Deutsche sind. Und wenn die Schuld daran die deutschen Führung trägt, obwohl Russen, Tschechen und Polen vertrieben haben. Dies zuzugestehen bedeutet nicht, die Geschichte zu verfälschen oder die Verantwortung zu verwaschen, sondern es ist Ausdruck einer gewissen - im heutigen Europa normalen - Empathie. Diese Empathie, dieses Streben nach Verständnis für die andere Seite, fehlt uns heute oft in unseren nachbarschaftlichen Beziehungen. Auch in den Beziehungen zu unseren östlichen Nachbarn, die nicht weniger Probleme haben als wir mit ihrer eigenen Aufarbeitung der Geschichte und dem Aufbau einer patriotischen Identität unter veränderten historischen Bedingungen.

Patriotismus der Angst

Manchmal zeigen normale, von der Geschichte gezeichnete Polen mehr Verständnis als polnische Politiker. In dem wertvollen Band über Erinnerungen von Polen und Deutschen ‚Vertreibung aus dem Osten' (Borussia, Olsztyn 2001) lesen wir zum Beispiel im Beitrag von Danuta Śleszyńska über Polinnen aus der Umgebung von Vilnius : „Hier begannen sich unsere Wege mit denen der ausgesiedelten deutschen Familien zu kreuzen, die in die entgegengesetzte Richtung zogen. Sie reisten unterschiedlich aus: Sie verließen ihre Heimat entweder individuell, oft aber auch organisiert, was ihnen gestattete, eine bestimmte Menge an Eigentum mitnehmen zu können. Ich habe weinende Frauen gesehen, die zum Abschied die Schwelle ihres Hauses küssten. Ich habe das gut verstehen können, schließlich ließen sie ihre bisherige Heimat und ein Stück ihres Lebens zurück. Ich sah mich in der gleichen Situation, als ich gezwungen war, meine Heimat zu verlassen und mich auf eine Irrfahrt zu begeben." In Polen wird leidenschaftlich über die Geschichtspolitik diskutiert. Ähnlich ist es wohl nur und Russland. Aber bisher haben diese Diskussionen nicht viel gebracht. Immer noch ist der stammeseigene, polnische Pawlowsche-Reflex lebendig: Widerstand leisten, weil Polen geprügelt werden - einmal von Deutschen, einmal von Juden, einmal von Verräter-Polen. Man redet uns ein, dass wir unsere eigene Geschichtsversion erschaffen und sie anderen aufdrängen sollen. Doch Professor Davies warnt davor, da Historiker meistenteils nicht in der Lage seien, ihre Geschichte anderen Völkern zu verkaufen, weil sie „zu wenig darüber nachdenken, wie Wissens im Ausland aufgenommen". Hinzu kommt, dass das bei Politikern wesentlich schlimmer ausfallen kann (obwohl man Präsident Kaczyński zugestehen muss, dass er auf dem Gebiet der polnisch-ukrainischen und polnisch-jüdischen Beziehungen einen vernünftigen Standpunkt präsentiert, oft gegen den Willen seiner Wähler). Die Streitigkeiten drehen sich nicht darum, ob das heutige Polen Patriotismus braucht. Ja, es braucht ihn - auch in einer liberalen Demokratie und einem Europa mit offenen Grenzen. Ein Patriotismus der mit Kreuzrittern schrecken will, ist lächerlich, ein Patriotismus, der sich um das Zahlen von Steuern dreht, ist gut, aber uninteressant. Man möchte gern den Patriotismus um den Staat herum bauen. Aber unser Staat ist noch immer wenig freundlich zu seinen Bürgern und vom Zwist der Politiker zerrissen. Nach zwanzig Jahren sind wir nicht einmal in der Lage, die wichtigsten nationalen Daten festzulegen und sie angemessen zu begehen. Aber was soll's, so war es auch beim ersten Zwanzigjährigen, als man erst 1937 begann, offiziell den 11. November als Feiertag zu begehen. Und als die Endecja-Jugend die Sektkorken knallen ließ, als sie die Nachricht vom Tod des Marschalls Piłsudki erreichte. Vielleicht ist es für den heutigen jüngeren Teil unserer Gesellschaft attraktiv, eine bürgerliche Nation zu erschaffen, in dem Platz für Polen, Ukrainer, Belarussen, Deutsche, Rumänen, Juden, Katholiken, Muslime, Protestanten, Atheisten, Demokraten und Republikaner ist, die eine Sprache und das Bewusstsein verschiedener, aber ineinander verflochtener Wurzeln verbinden. Die aber auch verbindet, dass sie nach Polen neben guten Autobahnen und Schulen, sondern auch Standards einer öffentlichen Moral aufbauen wollen. Denn in einem solchen Land will man leben und nicht - Gott behüte - für es sterben.
 

Der Artikel wird in der Polityka Nr. 24/2009 am 09.06.2009 erscheinen. Übersetzung Antje Ritter-Jasinska

 

 

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