Polen - ein Land ohne Gesicht
Schon seit sehr langem hatte Polen keine so gute Presse mehr im Ausland. Üble Klischees geraten in Vergessenheit, werden aber durch kein schlüssiges Polenbild ersetzt. Wir haben einen guten Ruf und ein farbloses Image.
Die beste PR-Kampagne für Polen seit Jahren kam per Zufall zustande. Noch im letzten Jahr schreckte in der Berliner Allee Unter den Linden das verlassene Gebäude der polnischen Botschaft. In zwei Jahrzehnten hat sich in der Umgebung buchstäblich alles verändert: Gegenüber wurde das Adlon, das exklusivste Hotel in Berlin, renoviert, 200 Meter weiter, am Brandenburger Tor, entstanden die neuen Botschaften der USA und Frankreichs, und die gesamte Allee verwandelte sich in eine Vorzeigemeile des vereinigten Deutschland. Nur das Haus Nr. 72 blieb im Zustand der vorangegangenen Epoche, ein Zeugnis der Armut und Impotenz des nächsten Nachbarn.


„Ende letzten Jahres erhielten wir vom Außenministerium überraschend 60.000 Euro für eine Verhüllung des Gebäudes. Und die Fassade ist beträchtlich, 66 Meter lang und 20 Meter hoch", sagt der polnische Botschafter in Berlin Marek Prawda. Aber womit verhüllen? Nachdem man lauter banale Ideen verworfen hatte, wählte man eine einfache Botschaft: bunte Luftballons und das Motto „Ein glückliches Neues Jahr wünschen die Nachbarn". Die Berliner Presse war begeistert und besonders von der Freundlichkeit und Unprätenziosität der Botschaft überrascht. 

Nach dem gefälligen Präludium startete die eigentliche Kampagne. Am 6. Februar wurde an der Fassade eine Aufnahme des Runden Tisches  aufgehängt und am 4. Juni ein großer Gary Cooper, der mit einem Solidarność-Abzeichen am Revers und dem Zusatz „Es begann zwölf Uhr mittags" auf ein Wahllokal zuschreitet. Die Metapher war für die Deutschen unverständlich, aber die Presse verfolgte die polnische Kampagne bereits und erläuterte sofort den Zusammenhang zwischen dem Cowboy und den ersten freien Wahlen in Polen. „Es lag uns daran, uns in die deutsche Narration des Jahres 1989, in ihre Darstellung der Wende als friedliche Revolution einzubringen", sagt Prawda. „Cooper mit einer Stimmkarte statt Colt traf ins Schwarze."

Die Feiern des 4. Juni selbst sollten ein großes polnisches Fest werden, doch von der langen Liste wichtiger Gäste, die sie beehren sollten, kam nur Angela Merkel auf den Wawel. Einen erheblich größeren und unerwarteten Einfluss auf das Image Polens hatten dafür die Wahlen zum Europäischen Parlament. Die Bürgerplattform  erzielte das beste Ergebnis aller regierenden Parteien in Europa und wurde die viertstärkste Kraft in der christdemokratischen Fraktion. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung" nannte Donald Tusk „einen der stärksten Ministerpräsidenten Europas, in seinem Land so mächtig wie Berlusconi in Italien und Sarkozy in Frankreich".

Eine Übertreibung? Bestimmt, aber die Medien haben eindeutig bemerkt, dass wir in die Hauptströmung der Politik zurückgekehrt sind, dass wir in der Europäischen Union nützlich zu sein versuchen, anstatt in jeder Frage unseren Widerspruch geltend zu machen, dass wir im Team mitspielen und eigene Kandidaten für internationale Posten aufstellen. Aus den Zeitungsartikeln verschwand der gönnerhafte Ton, und in den politischen Beziehungen zeigte sich ein partnerschaftlicher Umgang, mitunter sogar ein Anflug von Faszination für ein Land, das in so kurzer Zeit seine Wahrnehmung im Ausland so radikal verändert hat.
Noch vor zwei Jahren lag Polens Reputation in Trümmern. Im Juni 2007 konnte man auf dem Umschlag des Wochenmagazins „Der Spiegel" die Brüder Kaczyński auf Angela Merkel reitend betrachten, mit der Unterzeile „Die ungeliebten Nachbarn - Wie die Polen Europa nerven". Der Titel gab gut die Atmosphäre wieder, die unser Land nach zweijähriger Regentschaft von „Recht und Gerechtigkeit" (PiS), Liga Polnischer Familien (LPR) und „Selbstverteidigung"  umgab: Polen war auf die Position eines politischen Paria gesunken, und der Radikalismus und die Rücksichtslosigkeit der Brüder Kaczyński hatten in Westeuropa Reserven an Ressentiments und bei den Nachbarn in Mitteleuropa unverhohlene Schadenfreude freigesetzt.

Die Zeit der Kaczyński-Brüder, Leppers  und Giertychs waren ein Paradies für westliche Korrespondenten. „2006 habe ich 200 Artikel aus Warschau publiziert. In diesem kann ich vielleicht 150 schreiben", sagt Konrad Schuller von der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Westliche Medien berichteten über jede neue Volte der polnischen Regierung in der Europapolitik, über den Redemptoristensender Radio Maryja  und die Neonazis in der LPR, über Lustrationsaffären und die inquisitorischen Extratouren von Zbigniew Ziobro. Aus der schlechten Presse schafften es manche, eine noch üblere zu machen - zum Beispiel, indem sie sich von einem satirischen Text in einer wenig bekannten Zeitung beleidigt fühlten und ausländischen Journalisten wegen Verunglimpfung des Präsidenten mit Verhaftung drohten.

Das Argument, dem Image des Landes geschadet zu haben, war ausschlaggebend für die Niederlage von Jarosław Kaczyński  in der Debatte mit Donald Tusk 2007. Interessanterweise lastet erstaunlich wenig vom Odium der zweijährigen PiS-Regentschaft bis heute auf Polens Image im Ausland. Einerseits wurde ihre Regierungszeit doch als Episode erkannt, andererseits verwandelte sich die Erleichterung nach ihrem Ende in einen Vertrauensvorschuss für die neue Equipe.

Heute ist Tusk Polens Gesicht in der Welt. Einerseits ist er sympathisch, andererseits moderat bis an die Grenze der Farblosigkeit. Im Hinblick auf sein Ansehen und die seine Wahlergebnisse mag der polnische Ministerpräsident zu den stärksten in Europa gehören, aber hat sich westlichen Journalisten wenigstens eine seiner Äußerungen eingeprägt? Das war gar nicht möglich, denn Tusk ist im Ausland stumm, nicht nur wegen mangelnder Fremdsprachengeläufigkeit.

Ähnlich ist es mit dem heutigen Image Polens: sympathisch und mit Potential, aber von außen betrachtet, lässt sich über das Land kaum etwas Konkretes sagen. Nach 20 Jahren der Transformation sind wir für die Welt ein unbeschriebenes Blatt.
Wie Polen vor dem Hintergrund anderer Länder perzipiert wird, illustriert der Anholt-GfK Nation Brands Index. Das von dem bekannten Spezialisten für Länderimages entwickelte Ranking erfasst 50 Staaten und berechnet die Reputation jedes einzelnen von ihnen auf der Grundlage von sechs Komponenten: des Ansehens seiner Bürger, Exportartikel, Politik, touristischen Qualitäten, Kultur und schließlich seiner Fähigkeit, Kapital und Talent anzuziehen. Im Ranking für das letzte Jahr platzierte sich Polen auf dem 30. Rang - zwischen China (29) und Tschechien (31). Wie aus der Tabelle ersichtlich ist, entsprechen die ersten Zehn im Großen und Ganzen der G8-Gruppe: Es sind ausschließlich entwickelte und mit Ausnahme Japans westliche Länder. Unter den nächsten Zehn tauchen mittelgroße europäische Länder auf (Spanien, Holland, Belgien), bei den dritten dominieren die Schwellenmächte (Russland, China, Brasilien, Indien) und reiche Zwergstaaten (Singapur, Island). Polen balanciert an der Grenze zwischen der dritten und der vierten Zehnergruppe (Tschechien, Ägypten, Türkei). Schwach für ein Land, das zugleich entwickelt und westlich sein will. Um zu verstehen, warum das so ist, muss man sich die Ergebnisse der Einzelkomponenten ansehen. Am Anfang eine Überraschung: Den besten Indexzahl erreichen wir beim Punkt „Politik", der die Bewertung der Kompetenz und Integrität der Regierung, der Achtung der Bürgerrechte, der Außenpolitik und des Engagements bei der Lösung internationaler Probleme umfasst. In dieser Hinsicht platzieren wir uns an 23. Stelle, gleich hinter den Vereinigten Staaten (22) und vor Tschechien (24).

Als „Investitionsstandort und Einwanderungsziel" erfreuen wir uns ebenfalls eines besseren Rufs als in der Gesamtklassifikation und belegen Platz 26, gleich hinter Russland und vor Tschechien. Im Ranking der „Exportartikel", das die Perzeption von Marken und der Innovationskraft der Wirtschaft illustriert, sind wir auf Position 25 angesiedelt, gerade einmal fünf Plätze hinter Irland. Ganz anständig fallen wir auch im Ranking „Menschen" aus, bei dem gemessen wird, welchen Ruf die Freundlichkeit und die gesellschaftliche Attraktivität der Vertreter der jeweiligen Nation genießen: Hier liegen wir auf Platz 28, hinter Ungarn und vor Tschechien. Nach unten ziehen uns im Gesamtranking die Noten in zwei Bereichen, die traditionell in Polen als starke Seiten angesehen werden: „Touristik" und „Kultur". Bei ersterer landen wir erst auf Platz 36 - hinter Ungarn, Tschechien und Russland. Bei letzterer belegen wir die 30. Stelle - hinter der Türkei, Norwegen und Neuseeland. Polen wird in der Welt weder als ein attraktives Reiseziel noch als Heimat herausragender Sportler, als Land prachtvoller Architekturdenkmäler oder Zentrum eines blühenden kulturellen Lebens wahrgenommen. Mehr noch, im Laufe der letzten Jahre sind wir in diesen beiden Sub-Rankings weiter abgerutscht. Warum? 

Um Polens Image in der Welt kümmern sich 60 verschiedene Institutionen. Die beiden wichtigsten Dimensionen - die politische und die ökonomische - bleiben im Zuständigkeitsbereich der Ressorts für Außenpolitik und Wirtschaft, die in der Regel von verschiedenen Parteien besetzt werden, die eher zur Rivalität als zur Koordinierung ihrer Aktivitäten aufgelegt sind. Die Folge dieser Aufsplitterung ist nicht nur ein Ressortdenken, sondern auch eine geringere Wirkungskraft der finanziellen Mittel, die Polen für sein Image im Ausland aufwendet. Wie viel das genau sind, weiß nicht einmal die Regierung: Erst die derzeitige Equipe hat in dem Bemühen, des Gewirrs von Initiativen Herr zu werden, die Ministerien angewiesen, die Budgets der ihnen unterstellten Institutionen anzugeben. Vorläufige Schätzungen sprechen von 100-200 Millionen Złoty.

Wohin fließen diese Gelder? Hauptsächlich in die so genannte Promotion Polens im Ausland, also Werbung für das, was die jeweilige Institution für wertvoll hält. In der Praxis werben wir meistens für das, was keiner Reklame mehr bedarf (bekannte Künstler), was die Stereotype der Traditionsverbundenheit und der Rückständigkeit verfestigt (Volkskunst, Wurst) oder dem guten Namen Polens geradezu schadet (Wodka, Waffen). Eine so verstandene Promotion, ein Erbe der zentral gelenkten Wirtschaft, die einen Teil der Produktion in den Export schickte, dient nur dem Promoteten und sagt nichts über das Land aus. „Polen verschickt eine Vielzahl, oft interessanter Verlautbarungen, aber sie fügen sich zu keinem Ganzen zusammen", sagt Mirosław Boruc, der Chef des Instituts der Marke Polen.

Ein deutlicher Wandel im Denken ist im Außenministerium zu beobachten. Das ehemalige Referat für PR hat sich öffentliche Diplomatie (public diplomacy) in ihren Namen hineingeschrieben. Hinter dem neuen Schild verbirgt sich eine westliche Herangehensweise an die Werbung für das Land: Ihr Adressat sind nicht mehr nur Politiker, wie in der traditionellen Diplomatie, sondern gesamte Öffentlichkeiten. Die öffentliche Diplomatie ist heute der sich am dynamischsten entwickelnde Bereich der Außenpolitik: Tony Blair hat sich in der Boulevard-Zeitung „Fakt" mehrfach an die Polen gewandt, Deutschland veranstaltete aus Anlass des 4. Juni in Warschau ein Fest unter dem Motto „Deutschland sagt Danke!", und Frankreich organisierte kürzlich Elsässer Tage in Breslau. Polnische Beispiele sind die Banner-Aktion in Berlin und der kürzliche Besuch von CNN.

Der Sender kam knapp 8 Monate nach der Ausstrahlung der Reihe „Eye on Poland" wieder nach Polen - diesmal, um das Land 20 Jahre nach dem Sturz des Kommunismus zu zeigen. Selbstverständlich hatte der amerikanische Fernsehsender ein eigenes Interesse daran (CNN ist auf der Suche nach neuen Zuschauern in den Schwellenländern, die die wachsende Lücke bei den Einschaltquoten in den USA füllen), und er wurde für die Sendezeit fürstlich bezahlt (3,65 Mio. Złoty von der Polnischen Agentur für Information und Auslandsinvestitionen (PAIiIZ), der Polnischen Tourismusorganisation (POT), dem Außen- und Kulturministerium), aber das Unternehmen zeigte auch die Fähigkeit zur Zusammenarbeit. „Wir haben die Kräfte gebündelt, denn im Alleingang hätte sich niemand einen solchen Einkauf leisten können", meint Aleksandra Piątkowska, die Leiterin des Referats für öffentliche und kulturelle Diplomatie im Außenministerium.

Die neuen Instrumente dienen jedoch noch immer den alten Zielen, insbesondere einem: der Geschichte zu gedenken. Bis zur Perfektion beherrschen wir die Organisation von so genannten Jubiläumsfeiern. Westliche Staats- und Regierungschefs laden wir vornehmlich darum zu uns ein, damit sie Kränze an unseren Denkmälern niederlegen. Kein Wunder, dass sich außer der deutschen Kanzlerin, die eine Einladung beispielsweise zum Jahrestag des Angriffs auf die Westerplatte schwerlich ablehnen kann, kaum jemand die Mühe machen möchte, Schärpen anzulegen und rituellen Reden zuzuhören. Ein kleiner Fortschritt besteht darin, dass wir von der Erinnerung an das Martyrium zur Glorifizierung der Erfolge übergegangen sind: der Geburt der Zweiten Republik, der Beseitigung des Kommunismus und im nächsten Jahr der Schlacht bei Tannenberg.

Die Ad-hoc-Imagepflege konzentriert sich auch nicht auf plötzliche Probleme, sondern auf eine Richtigstellung der Geschichte. Eine Standardaufgabe unserer Botschaften ist das Aufspüren „polnischer Lager"  [i.e. ehemalige deutsche Konzentrationslager, Anm. d. Red.] - ausländischen Journalisten, die diesen Lapsus begingen, stiftete das Außenministerium sogar Bildungsreisen nach Auschwitz. Wir fokussieren uns darauf, für uns schmerzliche Negativa zu kontern und ignorieren dabei die, die wirklich auf unserem Image lasten - um von einer Werbung für die Positiva, die die Öffentlichkeit im Ausland ansprechen könnten, gar nicht erst zu reden. Beispielsweise haben wir nicht daran gedacht, in der „Financial Times" einen Text von Jacek Rostowski über die Tatsache, dass es in Polen keine Rezession gibt, zu platzieren.

Entwickelte Staaten sind längst von einer passiven Werbung für ihre Länder zu einem aktiven Aufbau von Marken übergegangen. So wie Unternehmen sich nicht mehr nur auf die Produkte selbst, sondern auf ihren Wiedererkennungswert und Ruf konzentrieren, haben auch Regierungen begriffen, dass sie sich im globalen Wettbewerb um Einfluss, Kapital und Touristen auf ein fragmentarisches Bild ihrer Länder fokussieren müssen, möglichst eines, das die Rezipienten auf positive Klischees bringt und die Wirkung der negativen abschwächt. So exportiert Frankreich zwar viele Waffen, aber seine Marke ist die Lebensfreude; halb Italien ist wirtschaftlich rückständig, aber die Welt sieht in ihm die Heimat der Mode und des guten Geschmacks. Die Marke eines Landes ist sein Charakter, eine Eigenschaft, die es unter den 195 Staaten der Welt einzigartig und attraktiv macht.

Was ist an Polen einzigartig und attraktiv? Diese Frage stellte sich der britische Guru für Ländermarketing Wally Olins {http://www.wallyolins.com}, den die polnische Handelskammer 2003 mit der Suche nach einer Marke für unser Land beauftragte. Nach langen Recherchen kam er auf vier Ideen, die die Polen und ihr Land charakterisieren: „Janus", also der Gott mit dem Doppelgesicht, der illustriert, dass Polen zugleich dem Westen und dem Osten zugewandt ist; „Individualismus", wie er sich im Unternehmungsgeist und der Eigenständigkeit der Ansichten äußert; „Wir arbeiten daran", was den ständigen Wandel, zugleich aber auch den unvollendeten Zustand wiedergibt; und schließlich „Polarität", also die Koexistenz häufig widersprüchlicher Extreme, die in der Unberechenbarkeit, aber auch der Kreativität der Polen Früchte trägt.

All das brachte Olins auf den Begriff creative tension - ihm zufolge ist kreative Spannung der charakterliche Kern, die Essenz des heutigen Polen. Das ist kein Reklameslogan, sondern ein Leitgedanke, um den herum man ein prägnantes und attraktives Bild des Landes aufbauen kann, wenn man ihn in die Sprache der Politik, der Wirtschaft und der sozialen Beziehungen übersetzt. Oder vielmehr, man könnte, wenn sich jemand ernsthaft damit befassen wollte. Olins' Bericht verstaubte in der Ablage von drei aufeinanderfolgenden Regierungen, die ihn sich nicht zunutze machen konnten oder wollten. In der Zwischenzeit hat die Realität seinen Schlussfolgerungen Recht gegeben.

Kreative Spannung äußerte sich bei zwei Ereignissen, die von sich reden gemacht haben. Das erste war das polnische Veto gegen Wirtschaftsverhandlungen zwischen der EU und Russland - eine kreative Lösung des Problems des Embargos gegen polnisches Fleisch, zugleich aber ein Beleg für die Unberechenbarkeit der polnischen Politik. Das zweite war die polnische Erwerbsemigration auf die Britischen Inseln - Zeugnis einer Dynamik und Rührigkeit, wie sie in diesem Umfang keine andere mitteleuropäische Nation an den Tag gelegt hat. Auf lange Sicht haben sich beide sogar als günstig für Polen erwiesen: Das Veto korrigierte die Politik der EU gegenüber Russland, die Emigration hat die Perzeption der Polen in Großbritannien und Irland diametral verändert. Die These, die in Olins' Denken mitschwingt, lautet: Statt unbewusst davon zu träumen, fleißig wie die Deutschen, stilvoll wie die Franzosen, gesellig wie die Italiener und sozial wie die Schweden zu sein, sollten sich die Polen lieber so mögen, wie sie sind, und in dem, was sie unterscheidet und was sie bislang für ihre Schwächen hielten, Trümpfe erkennen. „Die Polen sind ungeheuer emotional, chaotisch und unberechenbar", meint ein westlicher Diplomat in Warschau. „Aber sie sind gleichzeitig erstaunlich kreative Menschen, und letzten Endes klappt mit euch immer alles. Ihr habt einen eigenen Stil und schier unerschöpfliche Energie, angesichts derer Westeuropa ein bisschen verbraucht aussieht."

Wenn etwas dieses positive Bild verstellt, dann ist es unser Verhältnis zur Geschichte. „Ihr habt die Tendenz, euch in der Opferrolle zu präsentieren, aber das ist für euer Image nicht zuträglich", fügt ein anderer Diplomat hinzu. „An Stelle der Leidensgeschichte solltet Ihr eure Freiheitsgeschichte exponieren." Die Empfindlichkeit gegen Fehler in der westlichen Presse oder mutwillige historische Provokationen von Seiten Russlands verrät mangelnde Souveränität in der Selbsteinschätzung und wird mit Unreife assoziiert; die Neigung, andere zu belehren, ist wiederum eine von wenigen Überbleibseln der PiS-Rhetorik, die sich in der Sprache polnischer Regierungsstellen erhalten hat.

Kann man eine Marke von Null aufbauen? Einstige Imperien und etablierte Wirtschaftsmächte müssen sich nicht besonders promoten. Kleine Länder - zumal die asiatischen Stadtstaaten (Hongkong, Singapur) und die nahöstlichen Emirate - haben es da leichter, weil sie häufig über viel Geld verfügen und es einfach ist, sie in eine x-beliebige Marke zu verpacken. In der schwierigsten Lage sind Länder, die wie Polen mittelgroß, nicht vermögend und relativ neu auf dem Weltmarkt sind. Ganz Mitteleuropa leidet unter seiner geographischen und zivilisatorischen Randlage im Vergleich zum Westen (2006 hatte jeder vierte Deutsche keinerlei Kontakte zu Polen, und 32 Prozent hielten unsere Wirtschaft für rückständig), und wegen der geringen Größe der einzelnen Staaten fungierte es bis vor kurzem als ein einziger, nicht besonders attraktiver Block. Aber auch das ändert sich allmählich. 45 Prozent der Deutschen meinen bereits, dass Polen ein guter Standort für Geschäfte ist, und die Krise hat unsere Region in Länder unterteilt, die in der Klemme sind (Lettland, Ungarn, Litauen), und in solche, denen die Schwierigkeiten relativ wenig anhaben konnten (Tschechien, Polen).

„Polen ist das seltene Beispiel eines Landes, dessen realer Zustand besser ist, als man aus seinem Ruf schließen müsste", sagt Mirosław Boruc. Wie aus dem nebenstehenden Diagramm ersichtlich, sind wir größer, als man uns wahrnimmt, haben wir eine rascher wachsende und liberalere Wirtschaft, als man sie uns zuschreibt, eine sauberere Natur und ein freiheitlicheres politisches System. Das bedeutet, dass unser Image dringend aufpoliert werden muss, aber auch, dass wir uns zu einem gewissen Grade neu erfinden können. Das ist das Hauptargument dafür, bewusst an der Marke Polens zu arbeiten: Wenn wir warten, bis unsere Reputation allmählich die Realität eingeholt hat, verlieren wir das Element der Überraschung.

Dieses subjektive Image ist heute wichtiger als angeblich objektive Indexnotierungen für Wirtschaftsfreiheit, Wettbewerbsfähigkeit oder Korruptionswahrnehmung. Letztere illustrieren einen bestimmten, für Polen im Übrigen weitgehend konstanten Zustand, und wenn von ihnen alles abhinge, hätten wir in den letzten Jahren kein Recht gehabt, uns überhaupt zu entwickeln (im Ranking der Wettbewerbsfähigkeit sind wir zum Beispiel vom 45. Platz 2006 auf den 56. im vergangenen Jahr zurückgefallen). Trotzdem ist Polen wohlhabender geworden und hat an Bedeutung zugenommen, denn einige Investoren und Politiker erkannten in ihm die Dynamik und das Veränderungspotential. Es gäbe mehr solcher Investoren und Politiker, wenn wir es verstünden, ihnen davon zu erzählen. 

Aus dem Anholt-Ranking ergibt sich klar, dass wir zwei Bereiche vernachlässigen: Kultur und Touristik. Auf beiden Gebieten promoten wir nicht das, was es nötig hat - in der Kultur bereits bekannte Künstler und die Volkskunst, in der Touristik die Städte und Regionen, die unseren Vorstellungen nach europäischen Ferienorten am meisten ähneln. Unterdessen begeistert die Europäer heute die polnische moderne Kunst mehr als die Musik von Penderecki, und statt an die Ostsee (es gibt wärmere Meere) oder die Tatra (es gibt höhere und weiter ausgedehnte Gebirge) wollen Touristen aus dem Ausland lieber in den Urwald von Białowieża und die Ostbeskiden reisen. Wieder ein Paradox: Was wir mit Rückständigkeit assoziieren, ist für sie der letzte Zipfel unberührter Natur in Europa.

Einen internationalen Konzern hat Polen nicht hervorgebracht, aber im Falle eines Landes, das sich noch im Aufbau befindet, kann das schnelle Tempo des Wachstums selbst eine Marke sein. Wenn irgendetwas dem Stereotyp der polnischen Wirtschaft Einhalt geboten hat, dann war es gerade der vier Jahre andauernde Boom, der zu einem doppelt so hohen Wirtschaftswachstum wie in Deutschland geführt und nicht so geendet hat wie in Lettland. Außerhalb von Polen hat kaum einer bemerkt, dass wir nicht in eine Rezession verfallen sind (niemand macht auf fremde Erfolge aufmerksam, wenn er selbst leidet), aber Polen wird die Früchte der gegenwärtigen Krisenresistenz ernten, wenn es ihm im nächsten Konjunkturzyklus gelingt, sich an die Spitze des mitteleuropäischen Peletons zu setzen.

Im sozialen Bereich können wir die polnische Dynamik promoten. Die Erwerbsmigrationen haben gezeigt, dass die Polen die mobilste und rührigste Nation Europas sind, und sie haben in den Gastländern zu einer beispiellosen Verbesserung von Polens Image beigetragen. In der Politik sind wir in den letzten Jahren geradezu zu kenntlich geworden, und das Verdienst der jetzigen Regierung ist eine Entschärfung von Polens Image. Aber Dialog und die Fähigkeit, Bündnisse aufzubauen, reichen nicht, um die politische Marke Polens über das derzeitige Niveau zu befördern. Dazu müssen wir den Ruf eines Landes erwerben, das auf einem der Gebiete kompetent ist, die für die EU-Politik in den kommenden Jahren von Belang sein werden. Das Wichtigste ist jedoch, dass Polen Image in sich stimmig und konsequent sein muss. Zwei Gelegenheiten stehen uns bevor, um uns von einer neuen Seite zu präsentieren: die halbjährige EU-Präsidentschaft [Juli bis Dezember 2011, Anm. d. Red.] und die EM 2012. Wenn wir im Anholt-Ranking avancieren möchten, sollten wir schon heute eine Idee davon haben, was wir bei diesen Gelegenheiten der Welt über Polen sagen werden. Und allmählich mit unserer Erzählung beginnen.

Der Artikel erschien in der Polityka Nr. 26/2009 vom 24.06.2009. Übersetzung Silke Lent

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