Schwule: nein, Euthanasie: warum nicht?
Wir haben es noch nicht geschafft, liberal zu sein, sollen aber schon konservativ werden? Die „Polityka' beauftragte das Meinungsforschungsinstitut TNS OBOP, die Ansichten der Polen zu kulturellen, sittlichen und ethischen Schlüsselfragen zu untersuchen. Die Ergebnisse geben zu denken.
Adam Golec/Agencja Gazeta

Wir befragten die Polen zu Themen, die äußerst umstritten sind, weil sie den Bereich der Werte betreffen: von homosexuellen Ehen über die In-vitro-Methode und die Abtreibung bis hin zur Kostenerstattung für Verhütungsmittel und der Legalisierung von Marihuana. Es stellt sich heraus, dass sich nur bei zwei dieser Fragen eine dezidierte Mehrheit von Befürwortern einer der Meinungen abzeichnet (siehe Tabelle unten). Die Polen sind nämlich entschieden gegen eine Formalisierung von Partnerschaften  Personen gleichen Geschlechts und gegen eine Legalisierung weicher Drogen. Bei einem weiteren Problem zeichnete sich eine ähnlich deutliche, wenn auch nicht mehr ganz so starke Dominanz ab, diesmal aber überwogen die Antworten mit „Ja": Die Mehrheit der Befragten ist für einen allgemeinen Zugang zur In-vitro-Methode,  die vom Staat rückerstattetet werden soll. Ähnlich verhält es sich mit einer zumindest teilweisen Finanzierung von Verhütungsmitteln durch den Staat. Bei den brisanten Fragen einer Liberalisierung des Abtreibungsrechts sowie der Zulassung irgendeiner Form von Legalisierung der Euthanasie sehen wir ein labiles Gleichgewicht zwischen den Pro- und Contra-Meinungen.

Was sagen diese Ergebnisse aus über die polnische Seele, über das Wertesystem und die Einstellungen unserer Gesellschaft im zwanzigsten Jahr von Freiheit und Demokratie aus? Sind wir eine Ausnahme oder eine Bestätigung der Gesetzmäßigkeiten, die die Entwicklung von Gesellschaften westlichen Typs prägen?

Es herrscht bei uns kein Mangel an Meinungen über einen polnischen Sonderweg. Ein wichtiges Motiv in den Diskussionen zu diesem Schlüsselthema ist der Stellenwert der Religion als Stützpfeiler der polnischen Identität. Die Polen bezeichnen sich in ihrer überwältigenden Mehrheit als Katholiken, deren existentieller Wegweiser die Lehren der Kirche und die Botschaft des polnischen Papstes sind.

Die Wirklichkeit erscheint weitaus komplizierter, was unsere Erhebung belegt. Wesentlich ist, dass sich unter den Befürwortern liberaler, dem Standpunkt der Kirche widersprechender Lösungen in jedem untersuchten Fall Personen befanden, die sich selbst als gläubig und der Rechten nahestehend bezeichnen.

Denn dass sich für formale Verbindungen zwischen Personen gleichen Geschlechts, für eine erweiterte Zulässigkeit von Abtreibungen oder die Legalisierung weicher Drogen zu einem erheblichen Prozentsatz junge Leute, Gebildete und Bessergestellte, Unternehmer, Manager, Beamte, Städter, nicht Praktizierende oder Nichtgläubige sowie Sympathisanten der Linken und der linken Mitte aussprechen, überrascht nicht. Das ist eine für die westliche Welt typische Tendenz. Überraschen mag hingegen, dass im Lager der Befürworter einer allgemein zugänglichen und rückerstatteten In-vitro-Methode 53 Prozent Gläubige und regelmäßig Praktizierende sowie 55 Prozent Anhänger von Mitte-Rechts sind. Verliert also die PiS, die diese Methode rundweg ablehnt, nicht ihre potentiellen Anhänger?

Überraschen mag ebenfalls, dass sich 61 Prozent der nichtpraktizierenden Gläubigen für das Recht unheilbar Kranker auf einen Behandlungsabbruch aussprechen. Desgleichen, dass sich im Lager der Befürworter einer Liberalisierung des Abtreibungsrechts 38 Prozent der Menschen befanden, die ihre eigene soziale Lage für schlecht halten und gewöhnlich als eher konservativ gelten. Oder dass wir unter den wenigen polnischen Befürwortern einer Legalisierung von Pot 25 Prozent Arbeitslose verzeichnen. Schließlich frappiert auch, dass zwei Regionen - die pommersche und die niederschlesische - sich im Durchschnitt durch eine größere Unterstützung liberaler gesellschaftlicher Veränderungen als andere Landesteile auszeichnen (etwa eine Folge der Nachbarschaft zu Deutschland?).

Demnach verlaufen bei mehreren wichtigen gesellschaftlich-sittlichen Fragen die Trennlinien zwischen den Polen nicht so eindeutig, wie man meinen könnte. Auch wenn wir nicht so liberal sind, wie es die Fürsprecher eines völlig „entkirchlichten" Polen vielleicht gerne hätten, sind wir doch auch nicht so rechts-katholisch, wie es sich die Ideologen eines „ewig treuen" Polen wünschten. Die polnische Seele ist voller Schwankungen, Zweifel und Widersprüche. Sie hat keinen klaren ethischen Kompass, und die kirchliche Orthodoxie ist ganz bestimmt keiner. Sie verändert sich nicht so schnell, wie sich in einer vergleichbaren Zeit die Wertesysteme und Einstellungen der Gesellschaften Westeuropas verändert haben, aber sie verändert sich doch. Und zwar eher in dieselbe Richtung, ob das der Kirche und der eisernen Rechten nun gefällt oder nicht.

Professor Marcin Król bezweifelte unlängst, dass die Polen so sehr konservativ sind, wie sich aus der Interpretation einiger soziologischer Untersuchungen ergibt: „Obwohl sie liberale Sitten offenkundig akzeptieren, berufen sie sich, wenn es für sie bequem ist, auf konservative Einstellungen", sagte er der Tageszeitung „Dziennik". Król meinte eine Untersuchung, die von Soziologen der Kardinal-Stefan-Wyszyński-Universität unter Leitung von Professor Sławomir Zaręba durchgeführt wurde. Ihr soll man entnehmen, dass es um die polnische Religiosität gut bestellt ist; sie ist stabil, und durch die Suche nach Geistigkeit entwickelt sich sogar. Stolze 82 Prozent der Befragten geben an, sich von den Grundsätzen der Zehn Gebote leiten zu lassen.

Ich wähle, woran ich glaube


Ähnlich optimistische (aus der Sicht der Religion) Schlussfolgerungen lesen wir in der Publikation „Die Werte der Polen und das Erbe Johannes Pauls II.", das von der soziologischen Forschungsgruppe des Centrums Myśli JP2 unter der Leitung von Tomasz Żukowski herausgegeben wurde. „Die polnische Gesellschaft", schreiben die Autoren, „die zwar nicht so modern wie die amerikanische ist, aber ähnlich religiös, ist für diejenigen ein schwieriger Fall, die den alten Philosophen nachsprechen, dass der Glaube in der Konfrontation mit der praktischen Vernunft verlieren muss."

Die Autoren äußern die Hoffnung, dass die Religion für die Polen wichtig bleiben und die Gesellschaft den Weg des zivilisatorischen Fortschritts gehen wird, jedoch nicht auf Kosten der traditionellen Sitten und Werte. Für die polnischen Gläubigen klingt das gut, aber wie verhält sich dieser Optimismus zu den Fakten, etwa solchen wie dem in unserer Erhebung eingefangenen sozialen Schnappschuss? In zwei Fällen - der In-vitro-Fertilisation und der Empfängnisverhütung - lehnen hier die Befragten den Standpunkt der Kirche ab, in zweien - der Liberalisierung des Abtreibungsrechts und der Euthanasie - sind sie mehr oder weniger in der Mitte gespalten und in zweien - den homosexuellen Ehen und weichen Drogen - unterstützen sie die in der Kirche vorherrschende negative Meinung. 

In einem solchen Ergebnis lässt sich schwerlich ein Beleg für eine starke Verbindung zur institutionalisierten Lehrkirche erkennen. An dem Punkt, an dem wir uns heute als Gesellschaft befinden, kann man eher sagen, dass die Polen sich gern als die katholische Nation Johannes Pauls II. sehen, die die geistigen und rituellen Dienstleistungen der Kirche in Anspruch nimmt, im Alltag aber nach ihrem eigenen Begriff von Gut und Böse lebt. Ein interessantes Signal dafür, dass sich dieses Selbstbild ständig ändert, erbrachte eine Umfrage der Tageszeitung „Rzeczpospolita", die untersuchte, wen junge Polen im Alter zwischen 13 und 24 Jahren als eine Autorität betrachten. Es gewann Jerzy Owsiak, so wie in unserer Umfrage „Autoritäten 2008" (s.a. PaD Nr. 4
vom 28.11.2008, Anm. d. Red.)  Danach kamen „Celebrities", und an fünfter Stelle platzierte sich der Dalai Lama. Die Jugend will Werte, aber nicht unbedingt national-kirchliche.

Die Medien berichten von einem dramatischen Rückgang der Zahl der Priesteranwärter, von einer sehr selektiven Einstellung zur katholischen Ethik und der Abneigung gegen eine Kirche, die sich in die Politik und das Privatleben einmischt. Die Zahl der Scheidungen und der außerehelichen Kinder steigt, die der Paare, die in unkonventionellen Partnerschaften leben, nimmt zu. In der jungen Generation unterliegt die Religion einer Privatisierung: Ich glaube, aber an das, was ich selbst für wahr und richtig halte. Zurzeit verrät die polnische Seele gewisse Symptome von Schizophrenie: Mal spricht sie eine liberale, mal eine konservative Sprache. Es gibt in ihr auch viel Heuchelei. Es ist nicht leicht, sich durch diese Schichten zu einer kristallklaren Wahrheit darüber durchzugraben, wer wir wirklich sind.

Hier ist nicht Amerika


Aber eines erscheint sicher: Wir werden weder Schweden, noch Hindus oder Amerikaner. Wie sind denn die Schweden? Was ist das für ein Typ von Gesellschaft? Sie sind tolerant, vertrauensvoll gegenüber anderen, religiös unterkühlt, aber dazu bereit, sich an gesellschaftlichen Organisationen zu beteiligen und mitzuwirken: Nach vor vier Jahren erhobenen Daten gehören 52 Prozent der Schweden einer Gewerkschaft an (in Polen 13 Prozent) und 21 Prozent karitativen Vereinen (in Polen 10 Prozent). Das Niveau des sozialen Vertrauens (der Überzeugung, anderen Menschen vertrauen zu können) ist sensationell hoch: 68 Prozent der Schweden meinen, man kann, in Finnland sind es 59 Prozent. Und in Polen 19 Prozent. Wo Menschen kein Vertrauen zueinander haben, kann man schwerlich erwarten, dass die Bürgergesellschaft floriert. Wenn die Polen aktiv werden, dann unter ihresgleichen, oder sie kapseln sich in der Familie ab.

In den skandinavischen Ländern, ähnlich wie in Holland, Frankreich und der Tschechischen Republik, aber auch in Spanien, haben die In-vitro- und andere Methoden zur Behandlung von Unfruchtbarkeit einen deutlichen Rückhalt in der Gesellschaft. Dasselbe gilt für eine liberale Einstellung zur Abtreibung und anderen strittigen sittlichen Fragen.

Die Hindus gelten als Musterbeispiel für ein religiös und ethnisch hitziges Volk; sie sind sogar zur physischen Konfrontation mit Menschen bereit, die sie für Feinde oder Verräter halten, zum Beispiel mit Muslimen, Sikhs oder Christen. Die hinduistische Identität wird verteidigt wie die Unabhängigkeit und die Schuld an Problemen gern dem „dekadenten Westen" zur Last gelegt.

Die Amerikaner gelten vor allem als ein Markenzeichen für Pluralismus; dort findet sich ein Platz für jeden, wenn er nur Recht und Verfassung achtet, also auch die rigorose Trennung von Staat und Religion. Die polnische Rechte und unsere Medien lieben es, sich auf das amerikanische Modell als das unserem Entwicklungsweg verwandte zu berufen: Amerika ist modern, aber zugleich religiös; die Religion ist nicht nur nicht störend, sondern geradezu stimulierend für die gesellschaftliche Entwicklung. Aber die Wahrheit sieht anders aus. Polen ist und wird kein zweites Amerika. Die religiösen Optimisten stellen die USA so dar, als bestünden sie allein aus dem „Bibelgürtel", aus christlichen Fundamentalisten und einer eisernen Rechten vom Typ eines Bush junior oder der ehemaligen Gouverneurin von Alaska, Sarah Palin. Doch was ist mit dem Amerika der legalen Abtreibung, der starken Frauenbewegung, der Homosexuellenrechte, der Masseneinwanderung und der Popkultur, die die Welt erobert?

Ja, in Amerika floriert die Religion, aber keineswegs nur die katholische. Alle wichtigen christlichen Kirchen sind dort aktiv, aber auch Hunderte unabhängiger Religionsgemeinschaften und -bewegungen, viele davon nichtchristlich, sondern zum Beispiel buddhistisch. Genau dieser atemberaubende Pluralismus ist es, der die amerikanische Religiosität animiert, weil er die Gläubigen, die um einen Platz auf dem freien Markt der Religionen kämpfen, zu Aktivität und Kreativität zwingt.

Die Lage in Polen ist eine diametral andere. Bei uns gibt es ein Monopol des Katholizismus und der römisch-katholischen Kirche. In der erwähnten Untersuchung des Centrums  Myśli JP2 gaben 95,9 Prozent der Befragten als ihr Bekenntnis römisch-katholisch an, und 2,2 Prozent antworteten, keiner Kirche anzugehören. Die Gesetze des Marktes, auch die des Marktes der Ideen, sind unerbittlich: Wo es keine Konkurrenz gibt, da herrschen Stillstand und Verfall. Die Dominanz des konservativen Katholizismus ist für den zivilisatorischen und sozialen Fortschritt nicht förderlich.

Und obendrein sprechen im Namen der Katholiken bei uns heute am lautesten die Gegner jeglicher Liberalität. Als wäre bis zu ihnen nicht durchgedrungen, dass sich die reale polnische Gesellschaft des beginnenden 21. Jahrhunderts von anderen Werten leiten lässt. So hielten die Polen in einer CBOS-Umfrage („Więź" 9/2008) für den wichtigsten Wert die Erhaltung guter Gesundheit und familiäres Glück, während der religiöse Glaube den siebten Platz (28 Prozent der Nennungen) einnahm, nach Frieden, vor Bildung und dem Wohlergehen des Landes. Teilnahme an der Demokratie bezeichneten 5 Prozent als höchsten Wert, Erfolg und Ruhm 3 Prozent.

Land des Ideenstaus


Bereits 1995 stellte Pater Józef Tischner eine gute Diagnose unseres Problems: „Die Situation Polens wird dadurch charakterisiert", schrieb er im Vorwort zur polnischen Ausgabe von „Katholizismus und Moderne", einem wichtigen Buch des Schweizer Sozial- und ReligionshistorikersUrs Altermatt, „dass es viele einander widersprechende Ideen gleichzeitig erleben muss; Ideen, die anderswo nacheinander auftauchten, stauen sich bei uns auf. Schon bevor die Idee der Moderne hier Früchte tragen konnte, wird sie von einer entgegengesetzten Idee gekappt, die das Ende der Moderne verkündet. Bevor die Idee des Fortschritts unseren Alltag - etwa unsere Landwirtschaft - verwandeln konnte, unterminiert sie schon die Entdeckung, dass der Fortschritt hohl ist. Schon bevor die liberale Demokratie einen Rechtsstaat ins Leben rufen konnte, wird verkündet, dass die Demokratie kein Glück bringt." Und was ist mit unserem Katholizismus?

„Bevor der vom Zweiten Vatikanum geprägte Glaube zur Blüte gereift ist, will man ihn schon durch den alten Glauben der Sarmaten  ersetzen. Die polnische Seele erinnert an eine Landschaft, in der Winter und Frühling gleichzeitig anbrechen möchten." Seit dieser Diagnose ist viel Zeit verstrichen, vieles hat sich verändert, doch in der Essenz bleibt sie eine treffende Beschreibung der polnischen Seele. 

Vor einem halben Jahrhundert formulierte der amerikanische Politiksoziologe Seymour Martin Lipset  die These, dass die sozioökonomische Entwicklung einen vorteilhaften Einfluss darauf hat, dass sich demokratische Werte einbürgern. Träger dieser Werte ist vor allem die Mittelklasse, sind die gebildeten, qualifizierten, nicht schlecht verdienenden und am öffentlichen Leben interessierten Menschen.

Im Vergleich zu ärmeren Menschen zeigen sie größeres Interesse am Funktionieren der Demokratie und ein geringeres an der Religion als Fundament ihres Lebens, sie sind offener für Sozialreformen und den Kampf für eine saubere Umwelt. Ihnen ist nicht völlig egal, in welchem Staat und in welcher Gesellschaft sie selbst leben und in welchem ihre Kinder leben werden. In Polen ist eine so verstandene Modernisierung seit Jahrzehnten im Gange. Wir verwandeln uns allmählich, mit dramatischen Unterbrechungen, aber konsequent in eine pluralistische demokratische Gesellschaft.

Eine Begleiterscheinung gesellschaftlicher Modernisierung ist gewöhnlich ein Schwinden der Religiosität, eine Laizisierung. Sollte Polen hier wirklich eine Ausnahme darstellen? Nicht unbedingt. Einer der führenden Analytiker dieses Problems, der Amerikaner Ronald Inglehart, macht darauf aufmerksam, dass die Geschichte einer Gesellschaft und ihre Kultur, darunter die Religion, ein wichtiger Faktor ist, der gesellschaftliche Einstellungen beeinflusst. Je mehr Schlimmes einer Gesellschaft widerfahren ist, je mehr sie sich verwundet und bedroht fühlt, desto stärker kann ihre Religiosität sein.

Dieser Hinweis mag bis zu einem gewissen Grade die Verwirrung der polnischen Seele erklären. Unsere Zeitgeschichte ist voller Katastrophen und Bedrängnisse, vor denen wir in der Familie, in einer Gemeinschaft mit Menschen, die leben und denken wie wir, in der Religion und der Kirche Schutz suchten. Die Staatsgewalt erschien uns als fremd, das Recht als legalisierte Unterjochung, die Politik als eine Domäne des Eigennutzes. Rückhalt suchte man nicht in revolutionären Veränderungen, sondern in einer vom übermächtigen Einfluss der katholischen Orthodoxie geprägten Tradition und Kultur.

Ein Echo dieser Erfahrungen klingt in der hartnäckigen Abneigung gegen das nach, was die Mehrheit der Polen noch immer als soziale Neuheiten betrachtet, wie die Legalisierung von homosexuellen Ehen oder weichen Drogen. Bei uns sieht man darin kein Thema, das einer ernsthaften Diskussion wert ist, sondern einen Import gefährlicher Gedanken aus irgendeiner kulturell fremden Welt. Das Recht auf eine legale Abtreibung, die Legalisierung der In-vitro-Befruchtung und irgendeiner Form der Euthanasie, die Kostenerstattung von Verhütungsmitteln - all das weckt nicht so starken Widerstand, weil man nicht ausschließen kann, dass irgendetwas davon einmal in mein Privatleben einbricht oder dies schon getan hat. Mögen also verschiedene Hintertüren offenbleiben. Ich muss sie nicht nutzen, aber es ist gut, eine Option mehr zu haben.

Es sei betont, dass aus der Tatsache, dass jemand für das Recht auf eine legale Abtreibung oder den Abbruch einer aussichtlosen Behandlung ist, nicht folgt, dass er dieses Recht auch in Anspruch nehmen wird. Und wer für die Legalisierung von homosexuellen Ehen ist, muss kein Homosexueller sein. Es ist verlogen, die Befürworter einer derartigen Gesetzesliberalisierung als Zerstörer der sozialen Ordnung hinzustellen. Hier geht es nicht darum, das herrschende System zu zerrütten, sondern es so umzugestalten, dass in ihm Platz für verschiedene Optionen ist, denn nicht alle haben dieselben Ansichten zu wichtigen sozialen Fragen. Nicht alle sind religiös, aber schließlich kann man moralisch sein, ohne religiös zu sein, selbst wenn ein Teil der Rechten das aus Prinzip nicht glaubt.

Adam Leszczyński schrieb in der „Gazeta Wyborcza" zutreffend, dass in rückständigen Ländern - und Polen gehörte und gehört noch nicht zur Weltspitze - Modernisierungsprojekte beliebt sind, die dem Prinzip folgen: „wir übernehmen vom Westen dessen Industrie, Wohlstand und Komfort, behalten dabei aber unsere uralte Tradition und unsere reine, von keiner westlichen Fäulnis befleckte Seele. Das Problem besteht darin, dass ein solches Projekt noch nie gelungen ist. In die Praxis umgesetzt, endete es gewöhnlich mit Elend und Frustration: Weder gelang es, die Tradition zu bewahren, noch das Land zu modernisieren".

Es kann durchaus so sein, wie es die polnischen Konservativen gerne hätten: keine Neuheiten, Pole gleich Katholik. Genauso gut kann es aber auch so sein, dass sich die polnische Seele verjüngt: mehr Liberalität, Pole gleich Katholik und Nichtkatholik. Der Katholizismus bleibt ein starkes Element der Identität, jedoch eher nicht in seiner gegenwärtigen Gestalt. Uns erreicht der Prozess, den die katholischen Gemeinschaften in Westeuropa schon seit den sechziger Jahren durchgemacht haben. Infolge des sozialistischen Schlagbaums vor engen und ständigen Kontakten mit den dortigen Demokratien begann dieser Wandlungsprozess des Katholizismus bei uns mit erheblicher Verspätung, und daher rührt der irrige Eindruck, wir stellten eine Ausnahme dar, während wir in Wahrheit nur phasenverschoben sind.

Dieser Prozess beruhte darauf, dass der Katholizismus die Isolation gegen eine Welt schneller Veränderungen, wie sie Industrialisierung, Urbanisierung und allgemeine Bildung mit sich brachten, verließ. Der bereits erwähnte Urs Altermatt erinnert daran, dass in Ländern wie der Schweiz oder Deutschland bis zum 20. Jahrhundert Katholiken mit Argwohn betrachtet wurden, weil man sie mit der rückständigen Variante des Christentums assoziierte.

Im Ergebnis kapselten sich die Katholiken in ihrer Umgebung ab und schufen eine Art Gegengesellschaft, die dem Geist der neuen Zeit trotzte; ihre Theologie war - völlig anders als die protestantische - eine Theologie der Angst und ihre Seelsorge eine Begleitung des Leidens. Diese kulturelle Lethargie unterbrachen die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils. Nur dass heute der Impetus dieser Reformen erlöscht und während der Amtszeit von Papst Benedikt XVI. geradezu eine Sehnsucht nach einem Katholizismus wie auf alten Postkarten mit idyllischen Ansichten von Kirchtürmen, die über ein stilles Dorf hinausragen, zurückgekehrt ist.

Religion werden die Polen weiterhin brauchen, doch nicht als Schwert im Kampf gegen die Laizisierung, sondern als Ort einer solidarischen Gemeinschaft, der ein Gefühl geistiger Sicherheit wiederherstellt und nicht ständig neue Ängste vor der Welt weckt. Józef Tischner betonte, dass sich heute Menschen auch jenseits der Kirche für einen Glauben interessieren, der dem Bedürfnis nach dem Guten entspringt, weil er das Böse erfahren hat. Am Besten wäre es, wenn der Glaube in unserer Zeit dieses Bedürfnis nach dem Guten mit dem Bedürfnis nach Sinn in einer als sinnentleert wahrgenommenen Welt verbände. Tischner sah einen Zusammenhang zwischen der Kraft der Religion in unserer Gesellschaft und der Erfahrung des Totalitarismus und seines Scheiterns. Wir sind religiös, weil die Religion in jenen schweren Zeiten die Prüfung bestanden hat.

Aber wie lange wird diese Kraft wirken? Je weiter wir uns von der Zeit der Teilungen, der Besatzung und des atheistischen Staates entfernen, desto schneller erschöpft sich diese Quelle der Religiosität. Kein Wunder. Seit 20 Jahren leben wir in einem anderen System. Wir erwarten von der Religion und der Kirche etwas unserer Zeit Gemäßes. Eine Front des Widerstandes erscheint nicht mehr nötig. Wenn die Dominanz der Religion abnimmt, wird die Kirche davon profitieren. Konformisten und Heuchler werden abfallen und die aufrichtigen Christen bleiben. Auch die Gesellschaft und der Staat werden profitieren, weil die unselige Versuchung nach einer Allianz von Thron und Altar aufhört.

Deshalb ist die gesellschaftliche Liberalisierung in Polen wünschenswert. Denn Konservatismus allein um des Konservatismus willen ist nicht kreativ und wird bei der Lösung unserer Probleme in der Praxis nicht helfen. „Wir werden nicht plötzlich bewirken, dass Ehen beständig sind", bemerkt Professor Marcin Król. „Es geht nicht darum, dass wir für Scheidungen, Abtreibung oder andere radikal liberale Verhaltensweisen sind. Es geht vielmehr darum, die eigene Freiheit vernünftig zu nutzen. Durch konservatives Denken machen Menschen keinen Gebrauch von der Freiheit und vergeuden ihr Leben." Dem ist nichts hinzuzufügen.

Der Polen Pro und Contra:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ja

 

 

Nein

 

 

Keine Meinung

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Allgemeiner Zugang zur In-vitro-Methode mit Rückerstattung der Kosten

 

 

60

 

 

25

 

 

15

 

 

Zumindest teilweise Rückerstattung der Kosten für Verhütungsmittel aus dem Staatshaushalt

 

 

58

 

 

30

 

 

12

 

 

Möglichkeit für unheilbar Kranke, sich für einen Behandlungsabbruch zu

 

 

41

 

 

41

 

 

18

 

 

Liberalisierung des Abtreibungsgesetzes

 

 

38

 

 

41

 

 

21

 

 

Formale Verbindungen zwischen Personen gleichen Geschlechts

 

 

17

 

 

73

 

 

10

 

 

Legalisierung so genannter weicher Drogen

 

 

11

 

 

85

 

 

4

 

 

           

 

Die Umfrage des Meinungsforschungsinstituts TNS OBOP für die „Polityka" wurde unter

einer repräsentativen Gruppe von 1003 Personen im Alter von 15 Jahren und älter aus ganz

Polen durchgeführt.

 

Der Artikel erschien in der Polityka Nr. 36/2009 vom 02.09.2009. Übersetzung Silke Lent

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