Sonderbar ist dieses Land
Eine Affäre jagt die nächste. Sind wir irgendwie anders, weil das hier ständig passiert?
Piotr Mięcik/Forum

Wenn man einen Augenblick darüber nachdenkt, was in Polen los ist, kann man in eine Depression verfallen. Auch wenn man sich damit trösten kann, dass es anderswo nicht viel besser ist. In den USA konkurrieren zwei gut dokumentierte Bücher um einen Platz auf den Bestsellerlisten. Das eine zeigt, dass die Republikanische Partei eine korrupte Mafia ist, die den Staat ausraubt. Das andere, dass die Demokratische Partei eine Gang ist, die sich heftig auf Kosten der Steuerzahler bereichert. Bücher, die zeigen, dass die Wall Street eine Räuberbande ist, füllen bereits ganze Regale.

In England ist gerade eine große Affäre im Gange, die darauf beruht, dass Abgeordnete massenhaft öffentliche Gelder für private Zwecke verwendet haben und Zigtausende Pfund zurückerstatten müssen. Die Presse schreibt, dass die nächste Affäre ausbrechen wird, wenn die Frage aufkommt, woher die Abgeordneten die Mittel nehmen, um sie zurückzugeben. In Frankreich besorgte der derzeitige Präsident seinem studierenden Sohn einen wichtigen, von seiner Partei zu besetzenden Posten in der lokalen Selbstverwaltung, und seinen Konkurrenten, einen ehemaligen Premierminister, wollte er unbedingt ins Gefängnis bringen. In Italien wurde soeben ein Gesetz außer Kraft gesetzt, das dem Premierminister Amnestie gewährte. Die Aussicht auf eine Haftstrafe schadet Berlusconis Popularität jedoch nicht.

Die Tschechen erleben gerade – ähnlich wie wir – eine Lobbyisten-Affäre, außerdem haben sie eine gestürzte Regierung, die nicht einmal Neuwahlen zustande bringen kann (Präsident Klaus erwähnen wir gar nicht erst). So könnte man Land für Land rund um die Welt abklappern. Praktisch überall, außer in ein paar nordischen Staaten, jagt eine Affäre die nächste, und die Menschen finden immer wieder neue Gründe, um sich zu empören, zu verurteilen, zu fluchen und zu wettern.

Affären hat es immer gegeben. Aber die aktuellen sind anders. Als Wacław Nałkowski (der Vater von Zofia) vor hundert Jahren seinen berühmten Essay über den heilsamen Skandal schrieb, der den Verhaltensweisen neue, einer veränderten Wirklichkeit entsprechende Grenzen setzt, war ein Skandal noch eine Skandal. Er offenbarte Spannungen und stellte neue Normen auf. Die Affären, die heute den Platz von Skandalen besetzt haben, sind nicht mehr heilsam, stellen nichts auf und korrigieren nichts, vielmehr sind sie permanent geworden.

Hat uns die Rywin-Affäre irgendetwas gelehrt? Ist es dank ihr gelungen, irgendetwas wesentlich zu verbessern? Zum Beispiel die Prinzipien der Vergabe von Rundfunk- oder Fernsehlizenzen? Oder die Methoden des Lobbyings? Und hat die Grundstückaffäre zu Veränderungen im Gesetz über das Antikorruptionsamt (CBA) geführt? Wird die Werftenaffäre das Funktionieren des Staates verbessern? Das Abhören eindämmen? Den Privatisierungsprozess optimieren? Ihn transparenter machen? Rechnet irgendjemand damit, dass die Glücksspielaffäre etwas verändert? Die Regierung lässt es verlauten, aber alle wissen, dass es mit einem Ritualmord der Abgeordneten Chlebowski und Drzewiecki sowie einigen anderen Personen enden wird. Die Wirklichkeit wird sich dadurch nicht wesentlich verbessern. So wie sie es weder durch die Rywin- noch die Unzahl von Affären der letzten Jahre in vielen anderen Ländern getan hat.

Die Betrugskultur

Das ist Spezifik der Mediendemokratie, die sich mit der Verdrängung des gedruckten Wortes durch die bildliche und elektronische Vermittlung noch verstärkt. Im Unterschied zur parlamentarischen Demokratie, die fähig ist, abstrakte Debatten zu führen, über Probleme zu sprechen und nach Systemlösungen zu suchen, verlangt die Mediendemokratie so sehr nach Schuldigen und Helden in Affären, dass sie keinen Kopf dafür hat, nach Ursachen und Lösungen Ausschau zu halten.

So ist es in den meisten Ländern. In Amerika ist Greenspan für die Krise verantwortlich. Zumindest der öffentlichen Meinung zufolge. Die Öffentlichkeit ist damit zufrieden gestellt, dass Greenspan abgetreten ist. Der andere Schuldige ist Madoff. Die Öffentlichkeit freut sich, dass Madoff im Gefängnis sterben wird. Doch deswegen leben die Menschen nicht besser, auch wenn sie sich einen Augenblick lang besser fühlen. Die öffentliche Debatte mag noch das Schicksal einzelner Personen beeinflussen – Greenspan, Madoff, Rywin -, aber ihr Einfluss auf das Schicksal der Gesellschaft ist gering. Die Gesellschaft geht nicht auf schwierige Fragen ein. Damit befassen sich nur diejenigen, die das anachronistische Bedürfnis haben, zu verstehen oder den Ehrgeiz, es wirklich weit zu bringen.

Unter denen, die zu verstehen versuchen, setzt sich in der Welt zunehmend die Einsicht durch, dass – wie Manuel Castells schreibt – die Mediendemokratie bewirkt, dass in der Politik die Konkurrenz der Programme durch die Konkurrenz der Affären ersetzt wird. Doch nicht alles kann man auf die Medien schieben. Denn nicht nur die Medien haben sich verändert, sondern auch die Gesellschaft. Das hat David Callahan  in einem Buch mit dem griffigen Titel „The Cheating Culture“, also „Die Betrugskultur“ vorgeführt. Er untersuchte die Einstellung von Schülern zum Abschreiben, von Maklern zu Unterschlagungen, von Beamten zur Annahme von Bestechungsgeldern, von Journalisten zur unlauteren Jagd nach Sensationen und fand heraus, dass Betrügereien desto verbreiteter sind, je höher die Erfolgprämie und je schlechter die Lage der Verlierer ist.

Nicht zufällig gleicht das internationale Ranking der Korruption stark dem Ranking der sozialen Schichtung (Stratifikation). Je mehr und schneller die Schichtung zunimmt, desto unmoralischer verhalten sich Menschen, um eine höhere Stellung zu erreichen. Vor allem deshalb führt Russland konsequent in beiden Rankings, während die recht stabilen und weniger stratifizierten nordischen Gesellschaften zu den anständigen gehören. Dieselbe Gesetzmäßigkeit gilt auch in kleinerem Maßstab. Steven Levitt, Autor des auch in Polen [und Deutschland] erschienenen Buches„Freaconomics“, hat nachgewiesen, dass zum Beispiel Lehrer, nachdem die Stadt Chicago die Prämien für diejenigen unter ihnen, deren Schüler in Tests am besten abschnitten, allzu stark erhöhte, damit begannen, massenhaft die Tests für die Schüler auszufüllen.

Wenn man diese Untersuchungen kennt, wird leicht begreifbar, weshalb drei Jahrzehnte neoliberaler Regierungen, die eine Reduzierung der sozialen Sicherungssysteme und immer höhere Prämien für Gewinner bedeuteten, in den entwickelten Ländern zu einer Eruption von Affären jedweder Art geführt haben, die den Sensationsmedien Nahrung lieferten. Das erklärt auch, warum es in England mehr Affären gibt als im stärker sozialstaatlichen Finnland und in den USA mehr als im weniger stratifizierten Kanada.

Die Schweinchen und Polen

Die Höhe der Löhne und Gehälter und die soziale Dynamik erklären natürlich nicht alles. Denn auch die Kultur ist zu berücksichtigen. Deswegen zeitigt eine ähnliche neoliberale Politik in verschiedenen Ländern unterschiedliche Ergebnisse. Vor hundert Jahren erklärte Max Weber mit kulturellen Faktoren, weshalb sich in Europa Staaten und sogar benachbarte deutschsprachige Herzogtümer trotz ähnlicher Verhältnisse unterschiedlich entwickelt haben. Webers These hat zahlreiche Schwächen, die aber ihren Kern nicht in Frage stellen: Die protestantischen Länder entwickelten sich viel besser als die katholischen, und die katholischen Länder besser als die orthodoxen. Denn die Religion bestimmte über die Form der sozialen Bindungen – unter anderem über den Grad der Loyalität gegenüber der Gesellschaft (die Anständigkeit), über soziales Vertrauen und Kooperationsbereitschaft.

Diese Abhängigkeit ist bis heute sichtbar, da die Sorgenkinder der Europäischen Union unverändert die sogenannten „vier Schweinchen“– Portugal, Italien, Griechenland und Spanien (von PIGS, der aus den Anfangsbuchstaben der englischen Namen dieser Länder gebildeten Abkürzung) - sind, also die drei (neben Polen) ganz besonders katholischen Staaten und der einzige orthodoxe. Eine Tradition, die sogar noch stärker ist als die nationale Identität. Vor anderthalb Jahrzehnten hatRobert Putnam  das am Beispiel Italiens nachgewiesen. Die Reform der regionalen Selbstverwaltung, die im Norden des Landes – in Turin oder Mailand – zu einem Aufschwung und einem Wirtschaftswunder führte, verursachte im Süden – in Palermo oder Neapel – eine Explosion der Korruption und wirtschaftlichen Verfall.

Ursache für diesen Unterschied war die Verschiedenartigkeit der Bindungen und des Grades an sozialem Vertrauen. Im Süden waren familiäre Bande, die sich nicht nur auf die nächsten Verwandten, sondern auch auf Cousins und Nachbarn erstrecken, so stark und unterschieden den Angehörigen so sehr vom Fremden, dass sie alles zu tun geboten, um den eigenen Leuten beizustehen. Fremde dagegen wurden dadurch so stark ausgeschlossen, dass sie zu betrügen de facto moralisch neutral bewertet wurde. Einen Fremden (auch den Staat) zu bestehlen, um es den eigenen Leuten zu geben, war nichts Schlimmes. Im Norden, wo über Jahrhunderte entstandene städtische Gemeinschaften ausgedehnte soziale Beziehungsnetze geschaffen hatten, waren die familiären Bande schwächer, wodurch sich eine Moral entwickelte, die Angehörige und Fremde mehr oder weniger gleich behandelte. Weder Korruption noch Vetternwirtschaft konnten somit moralisch gerechtfertigt.

Die Antwort auf die Frage, wo dieses Wissen Polen verortet, ist für uns nicht besonders angenehm. Denn die wichtigsten sozialen Faktoren, die Affären, Korruption und Vetternwirtschaft Vorschub leisten, sind in Polen nämlich sehr stark präsent.

Die Linderung der Symptome

Erstens: Die Polen gehören zu den Gesellschaften in Europa, die am wenigsten lesen und die meiste Zeit vor dem Fernseher verbringen. Die polnische Demokratie unterliegt somit einem faktischen Monopol der elektronischen Medien und der Illustrierten, was sie „medialer“ (emotionaler, oberflächlicher) und weniger „parlamentarisch“ (intellektuell, reflektierend) als in den meisten entwickelten Ländern macht. Das begünstigt das jähe Ausbrechen von Affären und bewirkt, dass diese nicht heilsam wirken.

Zweitens: Das polnische Transformationsmodell hat nicht nur die Vergütungen, die die sozialen Gewinner erzielen, radikal erhöht, sondern auch konsequent die Lage der Verlierer verschlechtert (insbesondere relativ). Die polnischen Verlierer können nicht damit rechnen, auf das weiche Kissen eines Wohlfahrtsstaates zu fallen, das in den Ländern der alten EU die Ängste lindert.

Drittens: Aufgrund der Geschichte, der bäuerlichen Wurzeln der überwältigenden Mehrheit der Gesellschaft und des starken Katholizismus erinnert Polen kulturell eher an Süd- als an Norditalien. Wir haben das niedrigste Vertrauensniveau in Europa. Bande der Loyalität verbinden uns nicht mit der Gesellschaft (eher schon mit der symbolischen Nation), sondern fast ausschließlich mit kleinen Gruppen von Freunden und Kollegen. Das fördert die Korruption, deren selektive Strafverfolgung und die Anwendung aller möglichen doppelten Standards.

Aber das ist kein Fatum. Auf den Spuren von Putnam analysierte Francis Fukuyama den Einfluss kultureller Vertrauensmodelle auf die Wirtschaft der Industrieländer. In seinem auch auf Polnisch erschienenen Buch „Trust: the social virtues and the creation of prosperity“ hat er gezeigt, dass dieselben Anreize in verschiedenen Gesellschaften sehr unterschiedlich wirken. Die Übertragung des deutschen Unternehmensmodells auf Frankreich endete immer mit einem Fiasko, ähnlich wie die Übertragung des amerikanischen Politikmodells auf Lateinamerika und die japanische Firmenkultur auf die USA oder Kontinentalasien. Noch weiter ging in diese Richtung der Harvard-Ökonom Dani Rodrik, der in seinem letztjährigen Bestseller „One Economics, Many Recipes“ verschiedene sozioökonomische und institutionelle Modelle vorschlug, die an unterschiedliche kulturelle und zivilisatorische Bedingungen angepasst sind.

Die Thesen von Rodrik und Fukuyama fügen sich zu einem wesentlichen Indiz. Kultur, Transformation, herrschende Ideologie und zivilisatorischer Wandel schaffen ernste Risiken. Doch für sich allein sind sie nicht ausschlaggebend für Unglück. Auf große Prozesse haben wir keinen großen Einfluss, aber wir können ihre negativen Symptome vergrößern oder verringern. Um sie zu verringern, muss man sich über die Besonderheiten von Ort und Zeit klar werden und danach das eigene Handeln an sie anpassen. Manchen negativen Erscheinungen kann man entgegenwirken.

Lesen lässt sich stimulieren. Die Debattenqualität lässt sich durch eine Stärkung der öffentlichen Medien verbessern. Vertrauen lässt sich nicht nur durch eine Verschiebung der Akzente von der Unterrichts- auf die Erziehungsfunktion von Schule und Vorschule aufbauen, sondern zum Beispiel auch dadurch, dass man eine breitere Zusammenarbeit verschiedener Interessengruppen bei lokalen Investitionen erzwingt. Das muss geschehen, auch wenn man nicht mit raschen Effekten rechnen sollte. Doch an ein erhöhtes Risiko sollte man auch tagtäglich denken, wenn man den Gesetzgebungsprozess, bürokratische Prozeduren oder die Arbeit von Ermittlungsorganen regelt. Wir sind ein Land mit erhöhtem Risiko, also müssen wir im Bewusstsein dieses erhöhten Risikos handeln.

Viele unserer Probleme rühren heute daher, dass wir zwanzig Jahre lang die Risiken, die sich aus der polnischen Spezifik ergeben, vernachlässigt haben. Bei der Übernahme verschiedener Lösungen aus dem Westen ließen wir uns von ihrer Wirksamkeit in den Herkunftsländern leiten. Wir haben die kulturellen Unterschiede nicht berücksichtigt, weil wir nicht glauben wollten, dass wir anders sind. Doch wir sind es. Wir unterscheiden uns nicht nur von Skandinaviern, Deutschen und Amerikanern, sondern auch von Russen, Spaniern und Slowaken, so wie sie sich voneinander unterscheiden. Wenn wir das beim Entwerfen von Reformen im Gedächtnis behalten, muss die Andersartigkeit keine Last für uns sein. Sie kann sogar zu einem Vorteil werden. Man muss sie nur begreifen und zur Kenntnis nehmen.

Der Artikel erschien in der Polityka Nr. 44/2009 vom 28.10.2009. Übersetzung: Silke Lent | Redaktion: P. Gromnitza

 

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